von Charlotte Scheller Da war ich also in dem Stall. Es war warm und roch süß nach Milch und Heu. Ich wurde müde. Aber ich konnte mich nicht schlafen legen. Im Stall war eine Katze. Ich mag Katzen! Wenn eine um die Ecke kommt, bunt, schwarz oder getigert, kann kein Hirte mich halten. Ich muss hinterher. Die Katze muss weg. Auf den nächsten Baum. Oder meinetwegen in ein Brunnenloch.
In dem Stall war es anders. Ein neugeborenes Menschenkind lag da im Futtertrog und schaute mich an. Ich wollte mich umdrehen, die Katze anspringen, aber es ging nicht. Die Kinderaugen machten, dass mein Hinterteil am Boden klebte. Mir wurde klar: Der Kleine in dem Futtertrog ist ein großer Hirte. Ein Bestimmer. Ich werde ihm gehorchen. Leg dich hin, sagten seine Augen zu mir. Die Katze streckte sich auf einem Stoffhaufen aus. »Komm her«, miaute sie. »Auf dem Mantel ist noch Platz.« Unglaublich: Ich, wolfsgefährlicher Hütehund, Trost der Lämmer, Schrecken aller Katzen, lege mich neben eine grau gestreifte Mäusejägerin! »Ich heiße Lou«, schnurrt sie. »Struppi«, brumme ich. So wurden wir Freunde.
Einmal, als ich wieder durch die Stalltür schlüpfen wollte, sprang Lou hinter einem Busch hervor. Sie landete in meinem Nacken und hielt sich mit den Krallen in meinem Fell fest. »Achtung«, fauchte sie mir ins Ohr. »Hoher Besuch. Du kannst jetzt nicht in den Stall.« Auf leisen Pfoten schlichen wir an die Tür und spähten hinein. Lous Schwanz zuckte. Das Menschenkind schlief. Die Mutter saß aufrecht auf ihrem Strohlager. Der Vater stand mitten im Stall. »Wir danken euch«, sagte er und kratzte sich am Bart. Sicher hatte er Läuse wie unsere Hirten. »Wir danken euch sehr!«
Mit wem redete der Zweibeiner-Vater? Es roch anders als sonst im Stall. Nach schweren Kleidern, wie Kaufleute sie tragen. Nach Kamelschweiß, Sattelfett und Wüstensand. Drei Männer waren da. »Die kommen von weit her«, flüsterte ich. Groß wie Zedernbäume wären die Turbanträger gewesen, wenn sie nicht auf dem Boden gekniet hätten. Niederknien, das bedeutet bei Menschen: Ich ergebe mich. Die Besucher gehorchten dem Kind. Der vorderste krabbelte wieder auf die Füße. Er gab dem Kindsvater ein kleines Säckchen. Ich konnte riechen, was darin war. Ein gelbes Harz. Es wird auf dem Markt verkauft. Weihrauch. Wenn man es anzündet, qualmt es. Der Rauch vertreibt die schlechte Luft. Er schützt vor Krankheiten, vor bösen Gedanken und tollwütigen Fledermäusen.
Der Vater nahm das Weihrauchsäckchen. Dann trat der nächste vor. Er hatte einen kleinen Tontopf. Ich schnupperte: Myrrhensalbe. Wird von unseren Hirten benutzt. Hilft gegen Flöhe und macht das Fell der Schafe glänzend. Auch der dritte Herr hatte ein Geschenk für das Kind. Es roch nicht. Aber es glitzerte im Schein der kleinen Öllampe. Münzen. Die Hirten bekommen manchmal welche, wenn sie ein Schaffell verkaufen oder einen Berg Wolle. Kleine runde harte Dinger. Die schmecken nach nichts und machen die Zweibeiner richtig froh. »Gold!«, rief der Vater des Kindes. »Wie gütig von euch!« Die drei verbeugten sich vor dem Kind. Ihre Turbane berührten fast die Späne auf dem Boden. Dann gingen sie rückwärts zur Tür. Auf Zweibeinisch heißt das: Du bist unser König. Niemals würden wir dir den Rücken zeigen. Wir sind deine Diener.
Lou und ich hatten uns hinter eine Mauer verzogen, als die Männer aus dem Stall kamen. »Es wird bald dunkel«, sagte der, der das Gold gegeben hatte. Kaspar nannten sie ihn. »Zu dumm«, sagte der mit dem Weihrauch, Melchior, »heute schaffen wir es nicht mehr nach Jerusalem. Wir müssen doch zu König Herodes und ihm sagen, wo er den neugeborenen König finden kann. Er will ihn auch anbeten.« – »Morgen ist auch noch ein Tag«, sagte Balthasar, der Myrrhen-Mensch. »Lasst uns hier übernachten, in Bethlehem.« Als Melchior »Herodes« sagte, hatte ich leise geknurrt. Meine Freundin Lou zischte und ließ ihre Krallen sehen. »Du verrätst uns!« – »Hast du nicht gehört? Die wollen zu Herodes!« – »Na und?« Lou streckte sich und gähnte. »Was dagegen?« – »Herodes ist doch der König in Jerusalem. Meine Hirten sind wütend auf ihn. Er hat seine Soldaten nach Bethlehem geschickt. Er könnte dem Kind in der Krippe was tun, sagen die Hirten. Weil es ein König ist, hat Angst um seinen Thron. Er will selber König bleiben. Für immer und ewig.« – »Mist!«, fauchte die Katze. »Die Drei sind schon losgegangen. Sie werden das Königskind verraten.« – »Hinterher!« Ich sprang auf. Eine Verfolgungsjagd, das würde ein Spaß!
Später hockten wir im Gastzimmer vor dem Kamin. Zwischen den Rucksäcken der drei Herren. Die waren ins Wirtshaus gegangen. Morgen wollten sie zu Herodes. Was tun, um sie aufzuhalten? »Wir klauen ihre Münzen«, schlug ich vor. »Dann haben sie kein Geld mehr und müssen geradewegs nach Hause reiten.« – »Wir zerkratzen ihre Gesichter.« Lou hieb mit der Tatze in die Luft. »Dann können sie nichts sehen und finden nicht nach Jerusalem.« – »Wir zerkauen ihre Sandalen und zerreißen ihre Kleider.« Ich schmatzte. »Dann lässt man sie nicht rein in den goldenen Thronsaal.« Wir schmiedeten Pläne, bis das Feuer abgebrannt war. Dann stupste ich Lou an. »Du sagst ja gar nichts mehr!« Die Katze schnarchte leise, das Näschen auf der Schwanzspitze. Ich rollte mich ebenfalls zusammen. Lous Fell wärmte meinen Rücken.
Ein Knarren weckte mich. Ich sah mich um. Die Männer lagen auf ihren Matten, ohne Turbane, und atmeten ruhig. Ha-püh, atmete Kaspar. Pitsch-hih, pustete Melchior. Pff-tipuh, schnaufte Balthasar. Es knarrte wieder. Die Tür ging einen Spaltbreit auf. Ein Wesen trat ein. Wie ein Mensch, nur ohne Geruch. Durchsichtig und hell. Wie das Licht, das mittags über die Berge kam. Oder das Leuchten, das in der Heiligen Nacht am Himmel war. Mit der Schnauze schubste ich Lou, aber sie war schon wach. Wir hielten den Atem an. Der Engel ging zu dem Bett. Er streckte die Hand aus und berührte die Männer an der Schulter. Sie fuhren hoch. Blinzelten erschrocken durch die Hände vor ihren Augen. »Fürchtet euch nicht«, sagte der Engel. »Ihr habt den neugeborenen König gesehen. Geht nicht wieder in das Schloss von Herodes.«
Ich knurrte. Lou schlug mir mit der Tatze aufs Maul. Der Engel hob eine Augenbraue. »Geht nicht mehr zu Herodes«, sagte er noch mal. »Geht zurück in eure Heimat. Auf dem kürzesten Weg. Zu Hause erzählt allen: Ein neuer König ist geboren. Jesus, der Herr für uns alle!« Dann war er verschwunden.
Die drei Königskind-Besucher plumpsten zurück auf ihre Matten und schliefen weiter. Lou und ich schlichen hinaus. Als die Sonne aufging, sahen wir die Männer wieder. Am Brunnen, mit ihren Kamelen. »Es war ein Traum«, sagte Melchior. »Es war ein Engel«, sagte Balthasar. »Es war ein Engel im Traum«, sagte Kaspar. »Was er gesagt hat, wird getan. Schluss, basta, aus!« Sie gaben ihren Tieren zu trinken. Diesen eingebildeten Grasfressern. Die sprachen natürlich kein Wort mit uns. Kamele reden nur mit ihresgleichen.
»Dem Höchsten sei Dank«, sagte das eine und glotzte in Richtung Osten, einen Mäusesprung über mich und Lou hinweg. »Nun geht es nach Hause!« – »Genau. Ohne Umwege«, murmelte das zweite Höckertier, das Maul voller Olivenblätter. Das dritte klapperte mit den Augenlidern. »Noch einen Tag im Hof des Palastes hätte ich nicht überstanden.«
Wir sahen den Dreien nach, wie sie auf ihren Kamelen davonschaukelten. Dann rannten wir zum Stall. »Wo ist Maria?«, kläffte ich. »Und Josef?«, maunzte Lou. »Wo ist das Kind?« Der Ochse hob seinen Kopf aus dem Futtertrog. »Heute Morgen abgereist«, sagte er. »Richtung Ägypten. Der Esel ist mitgegangen.« Ich war ein kleines bisschen traurig. Eins meiner Schnurrhaare hing herunter. Aber die anderen standen fröhlich ab. Denn ich war auch glücklich. Ich hatte den neugeborenen König gesehen. Jesus, den Herrn. Und ich hatte eine Freundin gewonnen. »Los«, bellte ich, »lass uns Fangen spielen!«
Ich sitze im Zug und blättere in meiner Bibel. Ich suche einen guten Predigttext für den kommenden Sonntag. Mir gegenüber sitzt ein älterer Herr und immer wieder guckt er auf das Buch in meiner Hand. Ich löse die Stille auf und sage zu ihm: „Ja, das ist die Bibel. Ich bin Vikarin und grübele über die nächste Predigt.“ Er nickt mir zu und zeigt auf das Buch in seiner Hand. „Familienrecht,“ sagt er, „ich bin Richter. Ich muss mich auf einen schwierigen Fall vorbereiten.“ Er rückt seine Brille zurecht und ich tippe kurz nervös mit meinen Fingern an der Armlehne. Dann frage ich ihn: „Worum geht es denn bei Ihrem Fall?“ Er guckt mich streng an und sagt ernst: „Darüber darf ich nicht reden.“ Ich ziehe die Augenbrauen hoch und schaue kurz aus dem Fenster. Dann schiebt er hinterher: „Worum geht es denn in Ihrer Predigt?“ Mit einem Schmunzeln sage ich: „Darf ich nicht drüber reden!“ Und dann lache ich kurz, der Richter lächelt auch ein bisschen. Weil ich nicht unhöflich sein will, schiebe ich hinterher: „Es soll darum gehen, dass wir Kinder Gottes sind.“ Kurz schweigen wir uns wieder an, der Richter und die Vikarin. Die Räder des Zuges rattern über die Schienen und am Fenster ziehen Bäume vorbei.
Als der Richter mich wieder anspricht, zucke ich kurz zusammen. Er fragt: „Sind wir das denn?“ - „Was?“, frage ich verwirrt. Er lehnt sich zurück, nimmt die Brille ab und schiebt sie in seine Hemdtasche. „Na, Kinder Gottes. Ich dachte, nur Jesus ist Gottes Sohn. Aber dann beten wieder alle das Vaterunser. Aber sind wir überhaupt Gottes Kinder?“ Er blickt mich erwartungsvoll an. Ich zögere, das ist nämlich wirklich eine knifflige Frage. Definitiv bin ich nicht Jesus. Aber die Vorstellung, ich bin Gottes Kind, die ist mir schon wichtig. Also sage ich: „Wir sind nicht von Anfang an Gottes Kinder. Wir sind Geschöpfe. Wunderbar gemacht! Aber doch mit Fehlern. Aber Gott liebt uns, deswegen kann er für uns zu Vater und Mutter werden.“
Der Richter lächelt und sagt: „Das Wort „Sünde“ haben Sie jetzt aber schön vermieden. Aber ich verstehe. Das Vorstrafenregister ist lang.“ Ich nicke. „Ja, sehr lang. Und ich will das Wort Sünde gar nicht vermeiden.“ Mein Blick fällt auf den Schokoriegel auf dem Tisch. „Aber man denkt heute eher an Schokolade bei dem Wort. Dabei sind weit subtilere Versuchungen gemeint. Sünde, das meint ein Um-sich-selbst-Kreisen. Wenn ich in meinem Innern nicht satt werde, kann ich abgestumpft sein für die Liebe, dann sehe ich meinen Nächsten und Gott nicht mehr.“
Der Richter holt umständlich die Brille wieder hervor und setzt sie auf: „Harte Worte an die Angeklagten. Wie kommen wir da heraus? Ich habe schon genug Predigten gehört, um zu wissen, dass am Ende der Freispruch der Angeklagten steht. Und an diesem Punkt betritt doch bestimmt Jesus Christus den Gerichtssaal, stimmt´s?“ Er lächelt mich amüsiert an und ich muss kurz lachen. „Ja, na klar. Jesus Christus ist der Sohn Gottes. Die beiden sind Vater und Sohn. Und sie lieben sich. Bei seiner Taufe reißt der Himmel auf und Gott sagt: Das ist mein geliebter Sohn. Und Jesus sagt zu Gott: Abba. Das ist aramäisch, es heißt ‚Papa‘. Und Jesus zeigt uns, dass auch wir, zum Beispiel im Gebet, Gott als unseren Vater ansprechen sollen.“
Der Richter hört mir schweigend zu. Er ist noch nicht zufrieden. „Dass Jesus Gottes Sohn ist, habe ich jetzt in der Weihnachtszeit oft genug gehört. Warum aber sollen wir nun, mit unserem ganzen Vorstrafenregister, auch Gottes Kinder sein? Kommen Sie auf den Punkt!“ Herausfordernd starrt er mich an, aber bevor ich antworten kann, fällt mir der Richter ungeduldig ins Wort: „Will Gott vielleicht gar nicht unser Vater sein? Ich fühle mich hier als Kind zweiter Klasse!“ Jetzt werde ich laut, denn er lässt mich nicht ausreden und hat mich falsch verstanden. „Doch, er will unser Vater sein! Das ist ja genau das, was Gott ausmacht! Die Worte „Vater“ und „Mutter“ sind nicht bloß irgendwelche Metaphern für Gott. Das sind seine Namen! Zu seinem Wesen gehört, dass er uns liebt!“ Ich bin über mich selbst erschrocken, weil ich laut geworden bin. Doch der Richter stichelt nur: „Ihre Beweisführung ist noch mau, Frau Vikarin!“ Er setzt die Brille wieder ab. Ich greife nach der Schokolade. „Der Punkt, Euer Ehren, ist, dass Jesus in diese Welt gekommen ist. Er wird Mensch. In ihm macht sich Gott für die Welt sichtbar. Er lehrt uns zu beten: Vater unser. Er zeigt uns, was Liebe bedeutet. Und wenn wir uns dem Mensch gewordenen Gott anschließen, wenn wir Christus als unseren Herrn annehmen, dann wird Gott für uns zum Vater. Paulus nennt das: Adoption.“ Zufrieden beiße ich in die Süßigkeit.
Nun zieht der Richter die Augenbrauen hoch und antwortet: „Dann kommen wir ja nun in meinen Themenbereich. Im Familiengericht habe ich ständig mit der Frage nach Adoption und Vaterschaft zu tun. Bei Gott können wir aber wahrscheinlich auf ein gerichtsmedizinisches Gutachten auf Basis eines Vaterschaftstestes verzichten.“ Er lacht kurz, dann fährt er fort: „Wenn Sie nun aber sagen, dass unsere Beziehung einer Adoption gleicht, dann ändert das natürlich alles. Denn bei einer Adoption nehmen sich Eltern eines Kindes aus freiem Entschluss an. Rechtlich sind diese Kinder den leiblichen Nachkommen in jeglicher Hinsicht gleichgestellt, sogar bei der Erbschaft. Das rückt uns ja doch sehr nah an den Sohn ran.“ Ich nicke: „Erbschaft ist ein gutes Stichwort“. Ich halte ihm meine Bibel hin. „Hier, auch diesen Begriff verwendet Paulus. Er schreibt im Brief an die Römer, Kapitel 8: Ihr steht leiblichen Kindern in nichts nach. Ihr habt einen Geist empfangen, der euch zu Kindern Gottes macht. Weil wir diesen Geist haben, können wir rufen: Abba, Vater! Und derselbe Geist bestätigt unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind. Wenn wir Kinder sind, dann sind wir aber auch Erben: Erben Gottes und Miterben von Christus. Und das Erbe ist gewaltig: Es ist nichts Geringeres als das ewige Leben. Wir können darauf unsere Hoffnung setzen. Diese Hoffnung befreit uns schon jetzt vom Kreisen um uns selbst, von der Ignoranz gegen andere, von Angst und Wut. Indem Gott für uns zum Vater wird, rettet uns der Sohn.“
Wir werden kurz unterbrochen, eine Zugbegleiterin kommt und entwertet unsere Tickets. Der Richter trommelt mit den Fingern auf dem Tisch. Ich merke, dass er mir dringend antworten möchte. Als die Zugbegleiterin weitergezogen ist, spricht er sofort los: „So, die Aufklärung über die Rechte der Adoptierten haben wir jetzt gehört. Aber wir haben noch gar nicht über die Pflichten gesprochen!“ Ich zücke meine Bibel und lese vor: „Brüder und Schwestern, das bedeutet: Wir sind nicht länger der menschlichen Natur verpflichtet und müssen ihr nicht länger folgen. Wenn ihr nämlich so lebt, wie es der menschlichen Natur entspricht, müsst ihr sterben. Wenn ihr aber mithilfe von Gottes Geist die Gewohnheiten eurer menschlichen Natur tötet, werdet ihr leben. Alle, die sich von diesem Geist führen lassen, sind Kinder Gottes.“ Wie wild fängt der Richter an zu nicken. „Ja, genau, Adoption gleicht einer leiblichen Kindschaft! Du hast Recht auf Fürsorge und Erbe und so weiter, aber du hast auch dieselben Pflichten! Aber jetzt müssen Sie für mich in diesem speziellen Fall nochmal erklären: Was meint denn nun Ihr Paulus? Was sind unsere Pflichten?“
Die Frage ist so einfach, ich antworte ihm mit nur einem Wort: „Liebe!“ Weil der Richter mich weiterhin erwartungsvoll anschaut, fahre ich fort: „Jesus hat uns die Liebe vorgelebt. Er ist der Sohn, er ist voll und ganz der Liebe verpflichtet. Das sollen wir auch tun. Oder wie es im 1. Johannesbrief heißt: Jeder, der liebt, ist von Gott geboren. Das klingt simpel. Ist aber schwer. Es ist schwer, überhaupt erstmal zu lieben, vor allem, wenn man selbst nicht viel Liebe von anderen erfahren hat. Dann kostet es Überwindung, den ersten Schritt zu tun. Ich meine hier nicht speziell die romantische Liebe, sondern jede Form von Freundlichkeit und Barmherzigkeit. Aber auch nach dem ersten Schritt wird es nicht unbedingt leichter. Wer wirklich liebt, tut dies mit ganzem Herzen und ganzer Kraft. Aber das kann anstrengend sein. Zum Beispiel wenn die Liebe enttäuscht wird. Oder wenn uns andere sogar mit Hass auf unsere Liebe begegnen. Dann leiden wir. Dazu sagt Paulus etwas wirklich Tröstliches. Er schreibt: Wir bekommen Anteil an der Herrlichkeit des Sohnes, wenn wir sein Leiden teilen. Das ist die Voraussetzung. Und damit spielt Paulus auf das Leiden am Kreuz an: Jesus hat in dieser Welt nichts getan außer zu lieben. Und dafür wird er ans Kreuz geschlagen. So ein Leid ist unvorstellbar und wird uns auch nicht widerfahren. Aber Leiden aus Liebe, das kennt wohl trotzdem jede und jeder von uns. Wir können uns in unserem Leiden daran erinnern, wie Jesus gelitten hat. Dazu müssen wir aber erstmal das menschliche Um-sich-selbst-Kreisen ablegen. Nicht mehr um uns selbst kreisen, sondern anhalten. Innehalten. Und einfach lieben. Das Evangelium ist ein Plädoyer für die Liebe.“
Kurz denke ich, dass jetzt alles gesagt ist, aber an seinem Blick sehe ich, dass er doch noch eine Frage hat. „In Ihrem Paulus-Text fehlt mir noch etwas. Ständig redet er vom Geist. Mögen Sie für mich mal bitte das Trio von Vater, Sohn und Geist vervollständigen?“ Die Durchsage des Zugchefs kündigt den nächsten Halt an, ich greife schon mal nach meiner Jacke, denn hier muss ich raus. Schnell antworte ich noch: „Jesus ist ja leider nicht mehr unter uns, sondern beim Vater. Aber den Geist hat er uns geschickt, hier auf die Erde. Der Geist lässt uns im Herzen die Liebe Gottes spüren, der Vater und Mutter für uns ist. Dass wir genau so Gottes Kinder sind, wird uns sogar ganz konkret zugesprochen: In der Taufe. Denn Taufe ist nicht bloß eine Aufnahme in die Gemeinde. Sie ist das irdische Zeichen für die Aufnahme in die Gotteskindschaft. Quasi die Adoptionsurkunde. Und Zeugen kann ich Ihnen auch präsentieren! Die Eltern, die Paten und die Gemeinde. Aber hier muss ich aussteigen. Wie lautet das Urteil, Euer Ehren?“ Er lacht und blickt auf seine Armbanduhr. Dann sagt er: „Diese Geschichte könnte jetzt dramatisch damit enden, dass ich sie um die Taufe bitte. Aber ich bin schon getauft. Was machen wir jetzt?“ Der Zug hält an. „Auf Wiedersehen!“, sage ich. Ich steige aus und gehe ein paar Schritte bis zu dem Fenster, wo der Richter noch sitzt. Ganz schnell krame ich ein Feuerzeug raus. Das ist jetzt unser Ersatz für die Taufkerze. Sich an die Taufe erinnern geht überall, auch im Alltag. Ich entzünde das Feuerzug. Der Richter blickt mich an und lächelt. Wir sind einmal getauft, aber wir können uns ein Leben lang daran erinnern. Das kleinste Licht reicht aus! Und dann wissen wir, dass wir Gottes Kinder sind. Amen.
Der Evangelist Lukas erzählt, wie das Kind geboren wurde. Wie die Engel es den Hirten verkündeten. Wie die Hirten zur Krippe kamen und vom Engelsgesang berichteten und Maria all das in ihrem Herzen bewegte. Wie mag es Josef ergangen sein? Darüber haben sich Thomas Plate, Jae Joong Ahn, Margaretha Pangau und Joel Nagel Gedanken gemacht.
I. Ungeordnete Verhältnisse
(Lektor Thomas Plate, Region 5KiNO)
Nichts ist ordentlich in diesen oder jenen Zeiten. Israel leidet als eine von vielen römischen Provinzen unter der Besatzung. Und die Besatzer wollen Steuern, sich bereichern an ihrem „Reich“. Und so muss Joseph mit seiner Anvertrauten in seine Geburtsstadt gehen, um sich und seine Familie in ein Register eintragen zu lassen auf Befehl des Kaisers von Rom, im römischen Verständnis dem „Allerhöchsten“, Gott gleich.
Glaubt man den alten Schriften der Juden, dann soll ein König kommen für Israel.
In diesen Zeiten warten sie sehnsüchtig darauf: Dieser kommende König wird Freiheit bringen, die Römer vertreiben und Israel wieder zu Größe bringen wie in den alten Zeiten.
Joseph hat andere Sorgen. Seine Anvertraute, Maria, ist hochschwanger und sollte eigentlich gar nicht reisen, aber der Kaiser hat‘s befohlen. Und natürlich ist im kleinen Bethlehem überhaupt kein Platz mehr durch alle die, die hier mal geboren und jetzt nicht allein, sondern mit ihren ganzen Familien an ihren Geburtsort zurückkehren. Es ist kein schönes Familientreffen mit freundlicher Begrüßung, nur einer bietet aus Mitleid Platz in seinem Stall draußen, außerhalb der Stadt an, die Tiere spenden ein bisschen Wärme und auf Stroh ruht man besser als auf hartem Boden.
Und dann ist da noch das, was niemand erfahren darf, sonst ist seine Ehre geschädigt und seine Anvertraute aus der Gesellschaft ausgestoßen und das Kind auch. Das alles gehört zur Geschichte des Sohnes Gottes, unseres Bruders und Retters, und vieles davon ist uns nur zu bekannt: Unterdrückung und Herrschaftsansprüche, Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen migrieren oder sogar fliehen müssen, soziale Ausgrenzung aus mannigfaltigen Vorurteilen oder Vorstellungen von Richtig und Falsch.
Umso mehr lohnt sich der Blick in die Krippe auf das Kind, das uns geboren zur Rettung und zum Heil aus Gottes Gnade und unendlicher Liebe.
II. Enttäuschung und Verheißung
(Pastor Jae Joong Ahn, Koreanische Evangelische Gemeinde) Sprüche 16:9 sagt: „Das Herz eines Menschen plant seinen Weg, aber der Herr leitet seine Schritte“. Diese Worte sind vielleicht die relevantesten für Josephs Leben.
Wir alle wissen, dass das Leben nicht so läuft wie geplant, Josephs Leben war verdreht und verdreht. Sogar das Privateste, wie Heiratspläne Josephs, war ruiniert. Josephs Leben war nicht das, was er dachte. Alle seine Lebenspläne sind ruiniert, aber am Ende beschließt Joseph, Gottes Plan zu folgen. Hätte Josef sich geweigert, hätte Maria Jesus vielleicht als alleinerziehende Mutter aufziehen müssen.
Als Joseph jedoch von Gottes Plan erfuhr, müsste er immer noch enttäuscht und ängstlich gewesen sein, aber er nahm Jesus mit einem viel stärkeren Glauben an und lebt bereitwillig mit ihm. Auch wenn wir die letzte Stunde dieses Jahres durchleben, liegen immer noch enttäuschende und beängstigende Dinge vor uns, an die wir nicht gedacht haben, aber leben wir im Glauben mit dem Herrn, der zu uns gekommen ist.
III. Gehorsam und Vertrauen (Margaretha Pangau, Indonesische PERKI-Gemeinde)
Warum hat Gott Josef auserwählt, um eine besondere Aufgabe im Zusammenhang mit der Geburt Christi zu erfüllen?
Josef war zwar einer der Nachkommen von König David, aber er hat einen einfachen und bescheidenen Charakter. Er hat auch ein aufrichtiges Herz, und vor allem glaubt er an Gott.
Aber Gott hatte einen anderen Plan für ihn. Er hat sogar eine außergewöhnliche Aufgabe für ihn. Josef war zunächst nicht bereit, hatte Angst und wollte der Aufgabe ausweichen und versuchte eine Lösung zu finden. Aber wenn Gott jemanden für eine besondere Aufgabe auserwählt hat, dann wird Er auf jeden Fall mit ihm zusammenarbeiten, sodass Zweifel und Angst nicht nötig sind. Nachdem der Engel des Herrn Josef im Traum begegnet war, vergaß er alle seine Pläne, und seine Ängste und Zweifel verschwanden. Josef hatte volles Vertrauen, dass Gott ihn befähigen wird, die Aufgabe zu erfüllen. Also stand Josef auf und bewies Gott beharrlich seinen Gehorsam, indem er tat, was Gott ihm befohlen hatte. Josef ist nicht nur bescheiden und aufrichtig, sondern auch eine Person, die an Gott glaubt und Ihm gehorcht, ohne zu streiten. Gott wusste genau, dass Josef eine verantwortungsbewusste Person ist, und dies wurde von Josef weiterhin gezeigt, als er das Baby und Kind Jesus führte und begleitete (Matthäus 2,13-23). Weil er eine außergewöhnliche Persönlichkeit hat, wurde Josef von Gott auserwählt, um die Prophezeiung der Heiligen Schrift zu erfüllen! Wenn wir an Gott glauben, dann werden wir sicherlich seinem Wort und seinen Geboten gehorchen und auch bereit sein, von Gott gebraucht zu werden, auch wenn die Aufgabe von Gott manchmal in menschlichen Augen fremd sind. Wer also bis ans Ende gehorsam und treu ist, erhält die Krone des ewigen Lebens. Amen.
IV. Den Stolz ablegen wie Josef (Pastor Joel Nagel, ev. luth. Kirche Argentinien)
An Weihnachten erinnern wir uns immer an die Geburt Christi. Dies ist das zentrale Thema dieser Feier. Außer Jesus gibt es jedoch noch andere Personen in dieser Geschichte: Maria, Josef...
Sei es in der Krippe wie in anderen Darstellungen, Josef ist immer „einer mehr“. Und wenn wir das Evangelium lesen, wird auch dort nicht viel darüber gesprochen. Aber er ist da.
Ohne seine Gegenwart zu ideologisieren oder zu heiligen, ist Josefs Rolle in Gottes Plan von entscheidender Bedeutung. Es muss für Josef sehr schwer gewesen sein zu akzeptieren, dass Maria ein Kind trug, das nicht seins war. Und tatsächlich war das Eingreifen Gottes durch einen Engel notwendig, damit Josef diese seltsame Situation verstand.
Überraschend ist hier daher die engagierte und beschützende Art, mit der Josef agiert. Josef wird ein Gefährte, Ehemann und Vater im Herzen sein. Aber am wichtigsten ist, Josef wird ein Diener Gottes, Christi sein.
Dieses Weihnachten lehrt uns Josef, dass es möglich ist, sich Gott gegenüber und für ihn zu verpflichten. Josef lehrt uns, andere zu lieben und für sie zu sorgen, er lehrt uns, unseren Stolz abzulegen, um uns als Teil von etwas zu sehen, das uns transzendiert. Josef lehrt uns, Familie und Gemeinschaft zu sein, auch mit Fremden. Deshalb können wir an diesem Weihnachten das ablegen, was uns bindet (Stolz, Vorurteile, Groll, Intoleranz), hinausgehen, um andere zu treffen, und das Gefühl haben, dass die Geburt des Gotteskindes uns befreit, unseren Nächsten zu lieben und ihm zu dienen und allen Widrigkeiten zu begegnen, genauso wie Josef es tat. Amen.
Dieses Weihnachten lehrt uns Josef, dass es möglich ist, sich Gott gegenüber und für ihn zu verpflichten. Josef lehrt uns, andere zu lieben und für sie zu sorgen, er lehrt uns, unseren Stolz abzulegen, um uns als Teil von etwas zu sehen, das uns transzendiert. Josef lehrt uns, Familie und Gemeinschaft zu sein, auch mit Fremden. Deshalb können wir an diesem Weihnachten das ablegen, was uns bindet (Stolz, Vorurteile, Groll, Intoleranz), hinausgehen, um andere zu treffen, und das Gefühl haben, dass die Geburt des Gotteskindes uns befreit, unseren Nächsten zu lieben und ihm zu dienen und allen Widrigkeiten zu begegnen, genauso wie Josef es tat. Amen.
Elisabeth und Maria- eine ältere und eine sehr junge Frau begegnen sich. Beide sind schwanger, beide tragen besondere Kinder in sich. Und die beiden Frauen, aus priesterlichem Hause, wissen, dass die Zeit gekommen ist. Gott löst sein Verspechen ein und schickt den Retter, auf den das Volk so lange gewartet hat. Maria reagiert ziemlich menschlich auf diese göttliche Nachricht. Da steht plötzlich ein Engel vor ihr, und wohlgemerkt trifft man selbst in der Bibel nicht alle Tage Engel, und er verkündet, dass sie Mutter eines Königs werden wird. Nicht nur irgendeines Königs, nein, ihr Sohn soll „Sohn Gottes“ genannt werden. Und Marias Reaktion? Ich stelle mir vor, dass Maria erstmal ganz schön erschrocken ist und in dem Moment nicht ganz begreifen kann, was der Engel da sagt. Anstatt in himmlische Lobgesänge zu verfallen oder in Panik zu stürzen, stellt sie erstmal eine kritische Rückfrage. Denn für sie ist unklar, wie diese Schwangerschaft zustande kommen soll. Ohne männliches Zutun. Und nach des Engels Erklärung, da gibt sie ihre Zustimmung: Gut, es soll so geschehen. Maria entscheidet sich für diese Schwangerschaft! Das muss man sich einmal vorstellen, Maria gibt ihre Zustimmung zu Gottes Plan für die Welt! Sie nimmt ihr Schicksal nicht einfach hin, sie bejaht es. Sie kann sich zwar noch nicht ganz vorstellen, wie das gehen soll, aber trotzdem: Maria sagt ja. Ich finde das mutig. Ich stelle mir vor, wie der Engel in der Geschichte schmunzelt. Niemand hat Maria nach ihrer Meinung zu dieser ganzen Sache gefragt, aber das stört sie nicht, sie macht den Mund auf und sagt ja! Vielleicht ist Maria gerade deswegen die Richtige für diese Sache. Weil sie selbstbewusst ist und auf Gott vertraut und glaubt, was der Engel da sagt.
Sie vertraut auf Elisabeth, eine Freundin und Verwandte. Der Engel hat Maria ja verraten, dass auch Elisabeth ein Kind bekommt. Maria berät sich nicht lange mit Joseph über die ganze Sache, sondern sie besucht Elisabeth. In der Erzählung heißt es, dass sie so schnell sie konnte zu ihr eilte. Elisabeth wundert sich wahrscheinlich erstmal über den spontanen Besuch, denn sie wohnt ein paar Tagesreisen von Maria entfernt. Dann aber muss Maria gar nichts erklären. Elisabeth versteht, was Maria passiert ist, es fällt ihr wie Schuppen von den Augen. Lukas erzählt: Der Heilige Geist erfüllt Elisabeth und sie bekommt so einen kurzen Einblick in Gottes Plan, sodass sie weiß, was sonst noch niemand verstanden hat: Das Kind, der Retter, der Sohn des Höchsten, ist in Marias Bauch. Niemand ahnt bis jetzt, keiner würde es schon an Marias Bauch erkennen. Aber Elisabeth weiß es.
Elisabeth sagt: Was Gott dir versprochen hat, das geht in Erfüllung! Gottes Wort ist zuverlässig und wahr! Jetzt kann Maria sich nicht mehr zusammenreißen, der ganze Jubel bricht aus ihr heraus. Da fallen sich die beiden Frauen in die Arme, sie jubeln, sie sind begeistert, sie tanzen und schreien vor Glück. Ich stelle mir vor, dass Maria sich auf einen Felsen stellt, sie macht sich groß und ihre Stimme klingt so laut, dass sich die Schafe in Elisabeths Garten erschrecken. Die Frau, die da oben steht, und deren Herz den Herrn lobt, ist nicht die Maria, wie sie oft dargestellt wird. Sonst wird sie oft still, klein und andächtig dargestellt. Diese Maria ist ganz anders. Sie ist laut, groß, politisch. Und Elisabeth, die viel älter ist als Maria, muss schmunzeln über diese junge Frau, die so selbstbewusst da oben steht und davon spricht, wie ihr Gott die Mächtigen stürzt.
Marias Worte entstammen nicht ihrem Kopf, sie hat nicht jahrelang Schriften gewälzt und nachgedacht und studiert, um auf diese Gedanken über Gott und seinen Plan mit den Menschen zu kommen. Es kommt einfach aus ihr heraus, aus ihrem Innersten. Sie sagt: Alles in mir jubelt vor Freude. Ich lobe meinen Gott aus tiefstem Herzen. Sie hat Gott als ihren Retter erkannt.
Dieser Gott wird aber auf zweifache Weise von ihr dargestellt. Wie unterschiedlich Gott erfahren werden kann! Voller Barmherzigkeit wendet sich Gott den Schwachen und Hungernden zu. Er lässt sie nicht im Stich, er sieht ihr Leid, er erbarmt sich und rettet sie. Dieser barmherzige Gott begegnet uns in der Bibel immer wieder, beispielsweise als er das Leid Israels in Ägypten sieht und sie daraus befreit. Wer sich ganz und gar zu Gott hinwendet, der kann alles von ihm erwarten. Für Gott ist alles möglich.
Andere erfahren Gottes Härte. Gott ist klar und hart gegenüber denen, die überheblich sind. Wie drastisch Maria hier wird! Gott stürzt und fegt hinweg und schickt fort. In diesem Moment ist Elisabeth fast froh, dass die beiden Frauen alleine sind. Der Kaiser in Rom oder König Herodes fänden diese Worte sicherlich dreist genug, um Maria zu verhaften. Wie aufrührerisch! Jedes Kind weiß, dass die römischen Besatzer schon kleinste Aufstände blutig niederschlagen!
Aber was meint Maria damit? Es geht ihr nicht darum, Könige zu stürzen oder Reiche zu enteignen. Reichtum und Macht sind an sich kein Problem. Das Problem beginnt da, wo aus Macht Machtgier wird, wo aus Reichtum Habgier wächst und wo aus Demut Hochmut wird. Genau gegen diesen Missstand wendet sich Gott mit aller Härte. Er befreit uns von den Machthungrigen und Habgierigen, denn seine Liebe ist ihrer Gier überlegen. Das ist Gottes Plan. Das Kind, das er schickt, der Retter, wird mit seinem Leben zeigen, wie Gott das Unterste nach oben krempelt. Und als Christinnen und Christen stehen wir in der Nachfolge dieses Kindes. Deswegen können auch wir mit unserem Leben zeigen, dass wir Ungerechtigkeit nicht hinnehmen müssen. Wir können etwas ändern, auch im Kleinen und Alltäglichen.
Elisabeth und ich, wir stehen da und staunen über die Worte Marias, in denen so viel Kraft und Gottvertrauen stecken. Maria, die unbedeutende Magd? So nennt sie sich selbst. Sie sagt damit, sie fühlt sich klein vor Gott, der so Großes tut. Aber in dem Wort „Magd“ steckt noch etwas anderes: Der Knecht, das männliche Pendant zur Magd, steht zu seinem Herrn in einem besonderen Verhältnis. Der Knecht dient, der Herr beschützt. Der Knecht führt die Pläne des Herrn aus, er ist vom Herrn beauftragt. Im Alten Testament, vor allem im Jesaja-Buch, wird der Knecht Gottes zum Mittler zwischen Gott und Volk, ja er steht sogar stellvertretend für das Volk vor Gott ein. „Knecht Gottes“ ist ein Ehrenname. Dann ist aber auch die „Magd Gottes“ ein Ehrenname. Maria dient Gott und führt aus, was er geplant hat und womit er sie beauftragt: Sie bringt das Kind zur Welt, das alles ändern soll. Dieses Kind kommt von Maria, aus Israel. So berühren sich in Maria Himmel und Erde, Menschliches und Göttliches. Sie ist die Mutter des Retters, der barmherzig ist. Sie ist Gottes Magd.
zu 1. Korinther 4,1-5 Dafür halte uns jedermann: für Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse. Nun fordert man nicht mehr von den Haushaltern, als dass sie für treu befunden werden. Mir aber ist‘s ein Geringes, dass ich von euch gerichtet werde oder von einem menschlichen Gericht; auch richte ich mich selbst nicht. Ich bin mir zwar nichts bewusst, aber darin bin ich nicht gerechtfertigt; der Herr ist‘s aber, der mich richtet. Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch ans Licht bringen wird, was im Finstern verborgen ist, und wird das Trachten der Herzen offenbar machen. Dann wird einem jeden von Gott sein Lob zuteil werden.
Up plattdüütsch secht man: „Do wat du wullt, de Lüüd snackt allerweil“. Tu was Du willst, die Leute reden doch (sowieso). Als typisch ländlich; - Dorfklatsch – eben, gebrandmarkt ist es heute ein allgemein gesellschaftliches und wohl weltweites Phänomen dank Twitter, Facebook und Instagram: „Verlassene Freundin von Filmstar schwanger“. Auch Paulus beschäftigt natürlich, was über ihn gesagt wird. In Korinth zum Beispiel, in der Gemeinde, die er selbst gegründet hat und die ihm logischerweise sehr am Herzen liegt. Er ist weitergezogen, aber wie es mit der Gemeinde geht, interessiert ihn nach wie vor. Neue Glaubenslehrer sind zu den Christen in Korinth gekommen. Einer heißt Apollos, macht womöglich bessere Predigten als Paulus und kommt auch sonst scheinbar besser an. Es schmerzt, davon zu hören, und Paulus nimmt es persönlich, auch wenn er sagt: „Mir ist‘s ein Geringes, dass ich von Euch gerichtet werde“. Er macht sich Gedanken was über ihn gesagt – geredet (getratscht) wird, und macht sich die Mühe, den Korinthern zu schreiben, wie er gesehen, wofür er gehalten werden möchte. Dafür halte uns jedermann: für Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse.
Ein Diener Christi. Einer, der seine Arbeit macht mit all dem alltäglichen Einerlei. Ein Verwalter, der sich um Haus und Besitz seines Herrn kümmert. Er handelt nicht auf eigene Rechnung, sondern im Auftrag seines Herrn. Er kennt und bewahrt seine Geheimnisse. Ein Haushalter muss zuverlässig sein, loyal gegenüber den Zielen seines Arbeitgebers, das macht seine „Macht“ aus; definiert seine Position.
„Nun fordert man nicht mehr von den Haushaltern, als dass sie für treu befunden werden“. Weiter nichts !?? Da ist eine Sehnsucht spürbar in dem, was Paulus schreibt. Er möchte gesehen werden. Belohnt werden für seine Treue. Nicht immer im Hintergrund, im Halbdunkel stehen. Das kann ich gut nachvollziehen. Einmal wird Gott mich sehen, wird die Sehnsucht der Herzen aufgedeckt und die Liebe darin. Einmal wird jedem sein Lob zukommen von Gott.
„Der Herr ist’s, der mich richtet“. Paulus sehnt sich wie wohl jeder nach Lob und Anerkennung. Die aber erhofft er sich von Gott und nicht von seinen Mitmenschen. Nicht einmal von denen, die ihrem Gemeindegründer (eigentlich) zum Dank verpflichtet wären. Und so wenig Anerkennung er von ihnen erwartet, so wenig braucht ihn ihr Urteil zu verletzen. „Mir aber ist‘s ein Geringes, dass ich von euch gerichtet werde oder von einem menschlichen Gericht“. Wären die Korinther nicht seine Freunde, würde er wohl sagen: Ich pfeif‘ auf euer Urteil. Da sie ihm aber am Herzen liegen, schreibt er: Es wiegt nicht schwer für mich, euer Urteil. Paulus macht sich frei vom Urteil anderer, sogar von seinem eigenen. „Auch richte ich mich nicht selbst“. Das Gericht, das wir selbst über uns halten, kann ja noch viel unbarmherziger sein als das der Anderen. Keiner schreibt sich selbst sein Zeugnis, das ist die Aufgabe der Hausherren. Weil Paulus letztlich sein Lob nicht von Menschen erwartet, sondern von Gott, ist er frei, treu und gewissenhaft als ein guter Haushalter und Verwalter seine Aufgabe zu erfüllen.
Was ist nun die Aufgabe eines Dieners Christi? Die Geheimnisse Gottes hüten. Das klingt vielversprechend, wer möchte nicht mit Geheimnissen betraut sein, zu den Eingeweihten gehören, zum sogenannten „inneren Kreis“? Gerade in unserer Zeit, wo alles erklärbar scheint und offensichtlich, alle Rätsel lösbar scheinen, hat das Geheimnis einen besonderen Reiz. Aber auch die Gefahr in diesen Geheimnissen und um sie wird spürbar. Man hört von geheimen Bündnissen, die Anschläge planen und ausführen, um Verunsicherung zu stiften, unserer Freiheit zu schaden oder Geschichtsleugnung zu betreiben. Polizei, Staatsanwälte und Gerichte halten mit allen vorhandenen Mitteln in unserer Demokratie dagegen. Auch die Medaille der Geheimnisse hat zwei Seiten.
Was sind nun dem gegenüber die Geheimnisse Gottes? Und wie sollen wir sie bewahren und pflegen oder sogar im Sinne unseres Herrn in dieser Welt umsetzen, wenn wir sie mit unseren Mitteln und Möglichkeiten nicht einmal ergründen können?
Ich frage mich manchmal, wer wohl heute so ein Haushalter, ein Diener Christi ist. Kenne ich vielleicht sogar einen oder eine? Mir kommt eine alte Frau aus meiner Zeit als junger Erwachsener in den Sinn, sie ist im Krieg geflohen, hat allerlei Unbill und Krankheit und Leid in ihrem Leben überstanden. „Ach“, pflegte sie zu sagen, „viel kann ich ja nicht mehr, aber ich kann beten“. In unserem multikonfessionellen und multinationalen Hauskreis zu Studentenzeiten haben wir sie oft angerufen und um ihr Gebet gefragt. Dann hat sie für uns den Himmel bestürmt. Andere Haushalter sehe ich fast jede Woche, die sogenannten Teamer in unserer Konfirmanden-Kinder- und Jugendarbeit. Sie geben ihre Zeit und ihr Vorbild für die Kinder und machen dadurch Gottes Geheimnisse offenbar. Seine Liebe und Gnade als Kontra gegen Panikmache, Hassbotschaften und Anschläge. Gottes Liebe, dieses Geheimnis zeigt sich unverhüllt in dem Kind im Stall, von den Engeln besungen als Retter der Welt, zuerst bekannt gemacht den Hirten, den einfachen Leuten. Schon wenige Tage später ist es auf der Flucht vor den damaligen Herrschern der Welt.
Die Liebe Gottes zeigt sich unverhüllt am Kreuz Christi, der dem Verbrecher neben ihm die Hand reicht und ihm ein Wiedersehen im Paradies verheißt. Das eigentliche Geheimnis ist, dass Gott uns weiterliebt, auch wenn wir ihm nicht treu bleiben, wenn wir anderen nicht gerecht werden, wenn wir uns selbst untreu sind. Die Liebe Gottes kennt keine Geheimniskrämerei, keine Exklusivität, keinen Zwang. Sie ist unabhängig davon, wie stark ich lieben kann oder wie bereit ich bin, sie hängt nicht von meiner Treue oder eigenen Kraft(-anstrengung) ab. Aber sie ruft mich immer wieder voller Geduld, in den Bund mit Gott, in seine Gemeinschaft zurückzukehren und allen Menschen, die er mir auf meinem Weg entgegenschickt oder an meine Seite stellt, frei und vertrauensvoll zu begegnen.
Und das Gerede der Leute? Viel Angst findet man da, über Generationen tradierte Vorurteile und Unwissen. Wie umgehen mit einem anderen Gottesbild, einer anderen Lebensführung, einer fremden Kultur? Auch wir als Christinnen und Christen kennen hier nicht alle Antworten. Als Haushalter Gottes (und Diener Christi) ist nur unsere treu bleibende Liebe gefordert. Paulus stellt ganz deutlich den Vorrang und Wert der Liebe klar.
In einem späteren Kapitel singt er ein Lied auf die Liebe: „Wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts“ (1.Kor13,2).
Wir können uns an dieses offene Geheimnis halten, dass Gott uns mit Liebe entgegen kommt, unabhängig davon, ob wir damit rechnen, diese Liebe verdient zu haben. Gott kommt zu uns, persönlich, durch das Kind in der Krippe und seine unfassbare Liebe. Um uns mit ihm zu versöhnen durch das Kreuz von Golgatha.
Advent: Wir warten auf das Kind, das da geboren werden soll in einem Stall, sein Lächeln wird auch unsere Zeiten erhellen , zweitausend Jahre danach. So wie im Lied Stille Nacht geschrieben und gesungen: O wie lacht Lieb aus Deinem göttlichen Mund.
Kirche für Knirpse im Advent: Hase, Schildkröte & Co.
Freitag, 10. Dezember 2021, 17 Uhr
Christophoruskirche Göttingen
Bitte bringt euer Kuscheltier und eine Picknickdecke mit!
Die Tiere sind auf dem Weg zum Stall. Da soll ein Baby geboren werden. Kommt ihr mit? Für Kinder von 0 bis 6 Jahren mit Eltern, Pat/innen, Geschwistern. Die Knirpskirche dauert eine halbe Stunde. Im Anschluss Abendbrot im Gemeindesaal oder zum Mitnehmen.
2G in Kirche und Gemeindesaal: Die Eltern bitten wir, einen Impf- oder Genesenennachweis mitzubringen und mit den Kindern am selben Tag einen Corona-Schnelltest zu machen.