Zum Anzeigen von Videos bitte auf den Button klicken. Durch das Aktivieren von Videos werden Daten an Youtube bzw. Vimeo übermittelt und du nimmst deren jeweilige Datenschutzerklärung an. Die Links dazu findest du in unserer Datenschutzerklärung.
Es wird Advent! Endlich holen wir die Kisten vom Dachboden, in denen sich Räuchermännchen, Schwippbogen und Nussknacker das ganze Jahr versteckt haben. Nun bekommen sie die besten Plätze im Haus. Sie machen uns die dunkle Jahreszeit ein bisschen gemütlicher. Und manches ist mehr als nur ein Deko-Gegenstand. Wir verknüpfen damit Erinnerungen an Urlaube, an die Kindheit, an die Familie oder an Traditionen. Wie alte Freunde, die man lange nicht gesehen hat, holen wir sie zu uns. So geht es mir und ich vermute, auch anderen in der Gemeinde. Also habe ich mich umgehört und gefragt, wer mir zu seinem oder ihrem Adventsschmuck etwas erzählen kann. Viele haben mich in ihre Stube eingeladen oder mir Bilder geschickt und Erinnerungen geteilt. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich habe wirklich spannende Geschichten erfahren. Ein Adventskalender mit einer Fülle von Bildern, Geschichten und Liedern ist entstanden. Jeden Tag ein Türchen!
Wenn Sie keinen Internetzugang haben, aber den Adventskalender trotzdem gerne miterleben wollen, bitte ich Sie um einen Anruf: 0176-55793153. Dann lege ich die Bilder Ihrer nächsten Post von Christophorus bei. Johanna Bierwirth
zu Jeremia 23,5-8 Audio unter diesem Beitrag Zu Besuch bei meinem Freund Teka. Auf der Fensterbank im Wohnzimmer der kleinen Wohnung: Eine Reihe von Joghurtbechern, mit schwarzer Erde gefüllt. Aus jedem ragt ein kleines Pflänzchen mit zwei grünen Blättern. Was wächst da, frage ich. Kaffee, lacht Teka. Ich brauche das einfach. Ein bisschen Heimat. – So sehen Kaffeepflanzen also aus, sage ich. Wie lange dauert es, bis sie tragen? – Drei Jahre, lacht Teka wieder, dann kommen die ersten Blüten.
Ich sehe die Pflanzen heranwachsen. Im Sommer stehen sie auf dem Balkon. Da sitzen wir auch, Tekas Frau röstet die Kaffeebohnen. In einer kleinen Pfanne, über der Gasflamme. Es duftet. Sie mahlt die gerösteten Bohnen und gießt sie mit kochendem Wasser auf. Es schmeckt köstlich. Die Kaffeezeremonie dauert lange. Jedes Essen mit Freunden endet so. Zu Hause in Äthiopien, sagt Teka, nimmt man sich Zeit zum Kaffeetrinken. Fünfunddreißig Jahre ist er schon aus der Heimat weg. Als Student ist er damals hergekommen. Landwirtschaft. Mit dem Diplom in der Tasche wollte er etwas aufbauen in seinem Land. Aber als er zurückkam, war Krieg in seiner Heimat. Immer wieder Gewalt, Hunger und Epidemien. Hier sollen meine Kinder nicht groß werden, meinte er. Er kam hierher zurück, hat umgesattelt, ist Krankenpfleger geworden. Die Sehnsucht nach der Landwirtschaft ist geblieben. In seinem Schrebergarten zieht er Mais und Bohnen und Chili. Einmal werden wir auf dem Land wohnen, sagt er, und Tiere halten und unser Essen selbst anbauen. Bis dahin wächst der Keim der Hoffnung auf der Fensterbank.
Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird. Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen.
Flucht und Vertreibung sind ein Menschheitsthema. Auch im Buch Jeremia hören wir davon. Der Tempel in Jerusalem ist zerstört. Viele Einwohner der Stadt wurden verschleppt. Weg aus der Heimat, nach Babylon. Sie lebten nicht schlecht da in der Fremde. Aber die Sehnsucht blieb lebendig. Nach der Rückkehr in ihr eigenes Land. Nach den Straßen und Häusern, nach dem Land und seinen Früchten. Je länger sie weg waren, desto schöner wurde in ihren Gedanken die Heimat.
Menschen verlassen ihr Land, damals wie heute. Fliehen vor Krieg und Gewalt, vor Zwangsrekrutierung und religiöser Bevormundung. Sie fürchten um die eigene Gesundheit, um die Zukunft ihrer Kinder. Wie kann ihnen geholfen werden? Es ist Advent. Alle möchten wir auf ein Licht zugehen. Möchten dazugehören und zu Hause sein an einem Ort. Möchten essen und trinken und feiern wie da, wo wir herkommen. Die Israeliten waren fremd in Babylon. Auch in unserem Land leben Menschen fern ihrer Heimat. Die Ankunft hier war die Rettung für sie. Erstmal sind sie sicher. Aber oft bleibt das Gefühl, fremd zu sein. Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen.
Was ist ein sicheres Land, was nicht? Unsere Gesellschaft sucht nach Kriterien dafür, wer hier bleiben darf. Und wem zugemutet wird, in sein Herkunftsland zurück zu gehen. Auch mancher, der bleiben darf, möchte wieder zurück in die Heimat. Wenn sie denn wirklich Heimat wäre, wenn es da jetzt anders zuginge, wenn deine Kinder da zur Schule gehen könnten, auch die Mädchen, wenn sich da Arbeit finden ließe und ein Auskommen. Wenn das Rote Meer grüne Welle hat, heißt es in einem Lied von Piet Janssens, dann ziehen wir frei heim, dann ziehen wir frei heim aus dem Land der Sklaverei. Wenn unsre Tränen rückwärts fließen, dann bleiben wir hier, dann bleiben wir hier, weil sich das Land gewandelt hat. Zurückgehen oder hierbleiben. Niemand, der einmal weg war, kommt in dasselbe Land zurück. Weil das Leben weitergegangen ist. Weil nicht nur das Land sich gewandelt hat, sondern auch der, der weggegangen ist.
Einige von den Kaffeepflänzchen auf Tekas Fensterbank sind zu großen Bäumen geworden. Und in seinem Garten wächst Mais, fern der Heimat, und die Freunde, deutsche und afrikanische und andere von überallher, kommen dorthin zum Feiern. Die Sehnsucht nach der Heimat bleibt lebendig, ein Gefühl, ein Paradies. Einerseits verloren. Andererseits die unverlierbare Hoffnung auf ewige Heimat. Auch der Prophet Jeremia kündigt seinem Volk eine Rückkehr an. Nicht in die alten Verhältnisse sollen sie zurückgehen. Sondern in eine Zukunft, die zum Bleiben einlädt. Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der Herr, dass man nicht mehr sagen wird: »So wahr der Herr lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!«, sondern: »So wahr der Herr lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel heraufgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.«
Der Erste Advent. Ein neues Kirchenjahr fängt an. Ein neues Stück Zeit liegt vor uns. Wie ein Land. Ob es darin heimatlich wird für mich und andere? Das hängt auch von mir ab. Ob ich die Tür öffne, ob ich zeigen und teilen kann, was mir kostbar ist. Ob ich neugierig bin auf die Heimat der andern. In der Begegnung mit einer, die von woanders her kommt, wird mir neu bewusst, was meine Heimat ausmacht. Welches Essen dazu gehört. In welchen Geschichten ich zu Hause bin, in welchen Liedern. Ich erfahre mein eigenes Zuhause neu, wenn ich etwas schmecke und höre von der Heimat eines andern.
Kann sein, dass ich an meinen Heimatort zurückgehen muss, um bei mir selbst zu Hause zu sein. Oder aufbrechen, abschütteln, was schon lange schmerzt und kränkt, und mir eine neue Heimat suchen. Umkehr oder Flucht nach vorn? Jeremia pflegt ein Hoffnungspflänzchen. Einen Spross aus dem Hause David. Der Prophet hält die Hoffnung wach auf einen König, der anders ist als alle bisher gekannten. Auf einen Herrscher, der jedem Menschen gerecht wird. Mann und Frau und Kind. Jeder und jede soll sicher wohnen im eigenen Land. Einmal hat Gott sein Volk aus Ägypten zurückgeführt. Heraufgeführt, steht da. Aus der Tiefe heraufgeholt und in die Heimat gebracht. Der dich aus Ägypten geführt hat, das ist Gottes Name. Aber davon wird man nicht mehr reden, wenn Gott seine Menschen ein zweites Mal heraufgeführt hat. Aus dem Exil oder der inneren Entfremdung. Von jedem Ort, auch dem allerentlegensten, wird er uns nach Hause bringen. Der Glaube hält die Sehnsucht wach nach diesem Zuhause. Ich bleibe in Bewegung. Strecke mich aus nach diesem Ort, an dem alle Menschen zu Hause sein können. Ich und die Menschen, die mir nahe stehen. Und die, von denen ich fast gar nichts weiß. Die kranke Nachbarin in meiner Straße. Der junge Mann, der seine Reisegefährten verloren hat auf der Flucht über den Ärmelkanal. Die Bewohnerin in der Diakonie hier nebenan und der Bewohner des Luisenhofs, der neuerdings „Gast“ genannt werden muss.
Wir sind alle Gäste hier. Aber siehe, es kommt eine Zeit. Ein gerechter Spross wird heranwachsen. Die Kaffeepflanzen auf dem Fensterbrett meines Freundes künden davon und die Tannenzweige hier in der Kirche, zuletzt der Weihnachtsbaum. Im Sommer sitzen wir dort zusammen und im Winter hier. Das Zusammensein schmeckt nach Zuhause. Nach dem von früher und nach einem neu gefundenen. Ein Vorgeschmack auf die ewige Heimat bei Gott. Für jeden gibt es einen Ort auf der Welt. Gott hat sich ja für sich selbst diese Welt als Heimat ausgesucht. Er will Mensch werden. Er kommt vom Himmel auf die Erde.
Quelle: knipseline/pixelio.de; Charlotte Scheller (2,3)
Zwei Brüder, die verschiedener nicht sein könnten. Die Kinderbuchautorin Astrid Lindgren erzählt von ihnen. Die Brüder Löwenherz. Der ältere, Jonathan, sieht aus wie ein Märchenprinz. Mutig ist er, stark und klug. Bei allen beliebt. Sein Bruder Karl wird Krümel genannt. Nicht nur, weil er der Kleinere ist. Sein ganzes Leben scheint wie ein Krümel zu sein. Ein Bruchstück. Er kann nicht laufen. Er ist mit krummen Beinen geboren. Außerdem ist er krank. Husten schwächt ihn. Tagaus, tagein liegt er auf der Küchenbank. Sein Bruder erzählt ihm, was die anderen Kinder so machen. Was sie draußen spielen. Was sie in der Schule lernen. Ein armseliges Leben, könnte man denken. Aber in dem kleinen Krümel ist etwas Großes, Starkes: Die Liebe zu seinem Bruder.
„Weißt du, dass ich bald sterben muss?“ fragt Karl eines Tages seinen Bruder Jonathan und weint. „Wie kann es nur so was Schreckliches geben, dass manche sterben müssen, wenn sie noch nicht mal zehn Jahre alt sind?“ Jonathan denkt nach. „Weißt du, Krümel“, sagt er dann, „ich glaube nicht, dass es so schrecklich ist. Ich glaube, es wird herrlich für dich.“ – „Herrlich?“, fragt Krümel. „Tot in der Erde liegen, das soll herrlich sein?“ „Aber geh“, sagt Jonathan. „Was da in der Erde liegt, ist doch nur so etwas wie eine Schale von dir. Du selber fliegst ganz woanders hin.“
Krümel kann das nicht recht glauben. Aber Jonathan erzählt ihm von einem Land, das jenseits des Todes auf ihn wartet. Nangijala, das Land der Märchen und Sagen. Es liegt noch hinter den Sternen. Dort soll das Leben leicht sein. Dort wird Krümel sofort stark sein. Gesund und sogar hübsch. Er wird laufen können, draußen spielen und all die Abenteuer erleben, die er jetzt verpasst in seinem kurzen Erdendasein auf der Küchenbank.
Wie ein Traum klingt, was Jonathan seinem todkranken Bruder erzählt. „Es ist wie ein Märchen“, sagt Krümel Karl später, „und doch ist alles wahr.“
Wie ein Traum klingt auch unser Predigttext. Zuerst ist er den Leuten in Jerusalem gesagt worden. Fünfhundert Jahre vor Christi Geburt. Ihre Führungskräfte waren verschleppt worden in ein fremdes Land. Nun sind sie zurückgekehrt. Aber ihre Herzen sind schwer von dem, was sie erlebt haben, und verzweifelt von dem, was sie vor sich sehen. Die Stadt ist zerkrümelt, sie liegt in Trümmern. Die Häuser sind verfallen. In den Gärten wuchert Unkraut. In ihren Kummer hinein lässt Gott den Propheten Jesaja sprechen: Etwas Neues fängt an. Es wird herrlich!
Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird. Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Denn siehe, ich erschaffe Jerusalem zur Wonne und sein Volk zur Freude, und ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens. Es sollen keine Kinder mehr da sein, die nur einige Tage leben, oder Alte, die ihre Jahre nicht erfüllen, sondern als Knabe gilt, wer hundert Jahre alt stirbt, und wer die hundert Jahre nicht erreicht, gilt als verflucht. Sie werden Häuser bauen und bewohnen, sie werden Weinberge pflanzen und ihre Früchte essen. Sie sollen nicht bauen, was ein anderer bewohne, und nicht pflanzen, was ein anderer esse. Denn die Tage meines Volks werden sein wie die Tage eines Baumes, und ihrer Hände Werk werden meine Auserwählten genießen. Sie sollen nicht umsonst arbeiten und keine Kinder für einen frühen Tod zeugen; denn sie sind das Geschlecht der Gesegneten des HERRN, und ihre Nachkommen sind bei ihnen. Und es soll geschehen: Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören. Jesaja 65,17-24.
Es wird herrlich. Gott macht alles wunderbar neu und gesund und stark und schön. Ein Traum. Menschen bauen ihre Häuser wieder auf. Sie pflanzen Gärten und genießen die Früchte. Es gibt kein Weinen und Klagen mehr. Alle werden alt wie Bäume. Ihnen bleibt genug Zeit, um die Früchte ihrer Arbeit zu genießen. „Du kannst auf Bäume klettern“, sagt Jonathan seinem sterbenden Bruder über das Leben in Nangijala, „und dir ein Lagerfeuer im Wald machen und an einem kleinen Bach sitzen und angeln. Du kannst all das tun, wonach du dich immer gesehnt hast“.
Schöne Bilder. Die Wirklichkeit ist bitter. Für den neunjährigen Karl gibt es nur eine kurze Kindheit. Ohne Spielkameraden. Ohne dass er den Wind im Gesicht gespürt hätte und das Wasser des Baches an den Füßen.
Bitter war auch die Heimkehr der Jerusalemer aus dem Exil. In der Fremde, an den Wassern von Babylon, haben sie von zu Hause geträumt. Von zwölf Perlen sind die Tore an deiner Stadt. Aber es singen keine Chöre, als sie wiederkommen. Der Tempel ist zerstört. Nachbarn und Freunde sind in alle Winde verstreut. Beten. Arbeiten. Die Heimgekehrten möchten wieder Fuß fassen. Aber der Schrecken sitzt ihnen noch in den Gliedern. Der Tod ist ihnen näher als das Leben. Die Alltagssorgen lauter als die Zuversicht. Wie kann ich Gott jemals wieder vertrauen?
Ich finde mich wieder in den Fragen, in der Not, in die solche traumhaften Zukunftsvisionen gesagt werden. Ich finde mich wieder mit meiner Trauer um die Menschen, die ich verloren habe.
Viele von uns haben im vergangenen Jahr einen Menschen in schwerer Krankheit begleitet oder plötzlich loslassen müssen. Wir hätten noch etwas zusammen erleben wollen. Manches haben wir versäumt. Wie gelähmt sitze ich da, wie der Junge auf der Küchenbank. Warum überhaupt morgens aufstehen?
Auch wenn ich nicht den Tod eines Menschen zu beklagen habe, kann sich das Gefühl einstellen: Ich weiß keinen Menschen, der für mich da ist. Ich fühle mich dem Alltag nicht gewachsen. Nicht erst der Tod lähmt mich. Auch die vielen Brüche mittendrin.
Siehe, ichwill einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen.
Ein neuer Himmel. Ein erstes Lachen nach den Tränen. Irgendeine Kleinigkeit löst es aus. Lachen und Weinen, so nah beieinander!
Ein neuer Himmel. Ein Mensch, der mir nicht ausweicht. Er erzählt nicht seine Geschichte, er will meine hören. Nimmt mich in den Arm. Lässt zu, dass ich nichts weiter kann als traurig sein.
Ein neuer Himmel. Jenseits des Todes. Neues Lachen. Wir sind mit unseren Lieben zusammen. Wir werden mit unseren Talenten gesehen. Wir verstehen Gottes Plan für uns. Wir sehen das Licht. Wir können sagen: Ja, es ist gut.
Die Brüder Löwenherz treffen sich in Nangijala wieder. Im Land der Sagen erfüllt sich ihr Leben. Jonathan rettet durch seine Tapferkeit viele Bewohner Nangijalas. Karl, der Krümel, kann laufen, reiten und schwimmen. Und obwohl er überhaupt nicht mutig ist, wird er für seinen Bruder zum Retter. Seine Liebe ist stärker als die Angst. Die „Brüder Löwenherz“ können sich entfalten – ihren Mut, ihre Treue, ihre Liebe. Nichts bleibt bruchstückhaft. Alles erfüllt sich.
Was bringt das Träumen, Jesajas Vision? „Der Kummer ist nicht vorbei“, sagt Karl Löwenherz auf dem Weg durch das Land der Sagen. Aber er hat eine lebendige Hoffnung im Herzen. Die macht ihn stark. Zuletzt trägt er, der Kleine, den großen Bruder hinüber in das Land der Ewigkeit. Sie können für immer zusammen sein. „Ja, Jonathan“, ruft Karl, der Verzagte, „ich sehe das Licht. Ich sehe das Licht!“ So endet die Geschichte der Brüder Löwenherz.
Sich gegenseitig Sagen zu erzählen, sich Hoffnungsbilder zu sagen, auch wenn der Kummer nicht weg ist, was für ein Segen! Sich selbst damit zu stärken und andere. Ja, einmal wird alles zu Ende sein. Aber am Ende, da ist Gottes Zukunftsort. An diesem Ort ist kein Tod, kein Leid, kein Geschrei, kein Schmerz. Siehe, ich mache alles neu!
Aber was, wenn der Kummer stärker ist als die biblischen Bilder, wenn Trostversuche für mich unerträglich sind, wenn ich mich nach Hilfe sehne und keine Kraft habe, darum zu bitten? Gerade dann. Gott sagt: Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören.
Einstweilen haben wir bloß sein Wort. Eines Tages aber werden wir sehen. Wir werden sehen!
Quelle: Ramona Kitzmüller/pixelio.de (1), Charlotte Scheller
von Charlotte Scheller, Audio unter diesem Beitrag Die Zitate aus Psalm 22 sind in der Übersetzung von Martin Buber wiedergegeben.
Wer ein Haus baut, möchte, dass es Bestand hat. Das Fundament muss solide sein, die Wände massiv, das Dach soll Wind und Wetter trotzen. Das Haus soll da stehen, wo man sich wohlfühlen kann, und Raum bieten für Familie und Freunde. Auch wer sein Lebenshaus baut, wünscht sich, dass es fest steht. Eine gute Ausbildung, ein sicherer Arbeitsplatz, ein geregeltes Einkommen, eine Partnerschaft, die etwas aushält. Gesundheit und ein fester Charakter helfen, das Lebenshaus zu stabilisieren. Wenn möglich wollen wir der nächsten Generation etwas weitergeben. Eine Wohnung. Etwas Geld. Eine Kirche mit heilem Dach und volltönender Orgel. Aber auch, was nicht mit Händen zu greifen ist. Die Liebe zur Musik, menschliche Zuverlässigkeit und Gottvertrauen. Ganz wenige schaffen etwas, das Vielen etwas gibt, das weit ausstrahlt und die Zeiten überdauert. Künstler, Architekten, Wissenschaftler, große Politiker.
Paulus erinnert uns: All das ist vergänglich. Es kann am Ende doch nicht bestehen. Die letzten Tage des Kirchenjahres muten uns unbequeme Gedanken zu. Sie scheinen gut zur Novemberstimmung zu passen. Paulus denkt allerdings gar nicht daran, unseren Herbst-Blues zu fördern. Im Gegenteil. Er möchte, dass wir fröhlich sind. Wir haben allen Grund dazu! „Wir sind immer zuversichtlich“, sagt er. Unser Leben geht nicht ins Leere. Denn Gott gibt uns, was wirklich Bestand hat.
Paulus vergleicht unser Menschendasein mit einem Haus. Luther übersetzt „Hütte“. Im Urtext heißt es „Zelt“. Dann wäre die Erde ein Campingplatz. Da haben wir unser Lager aufgeschlagen. Irgendwann fegt der Sturm darüber und reißt die Pflöcke raus. Unser Leib und Leben ist Provisorium, eine Hütte auf Abbruch. Auch das Kirchendach über unseren Köpfen erinnert an ein Zelt. Aber Paulus weiß noch von einem anderen Haus, das nicht mit Menschenhänden erstellt ist. Er nennt es „ein Haus, das ewig ist, in den Himmeln“.
„Wir wissen davon“, sagt Paulus. Sonst ist der Apostel eher zurückhaltend, wenn es darum geht, was wir von den himmlischen Dingen wissen können. „Stückwerk“ nennt er an anderer Stelle unsere mühsamen Gedanken. Wie kommt er also dazu, ausgerechnet hier zu sagen: „wir wissen aber“? Woher wissen wir von einem ewigen Bau in den Himmeln, wo unser Leib wieder ganz und heil wird und unsere Seele ein sicheres Zuhause findet?
Die Musik heute erzählt von dem, was ein Zuhause schön macht. Die sephardischen Lieder wurden wohl zuerst von Frauen gesungen, in der Küche. Beim Duft frisch des gebackenen Brots. In Vorfreude aufs Zusammensein. Familie und Freunde an einem Tisch. Aber: „Undzer shtetl brent“. Die Klezmer-Musik, ausgelassen und melancholisch, erinnert auch an die Pogromnacht im November 1938. Brennende Gotteshäuser. Zerstörte Geschäfte und Wohnungen. Der Verlust von Nachbarinnen und Freunden, Geliebten, Eltern und Kindern, der Verlust der Heimat und des Vertrauens. Der Beter von Psalm 22 ruft:
Mein Gott, mein Gott,warum hast Du mich verlassen, warum bleibst Du fern meines Hilferufes und den Worten meines Schreiens?! „Mein Gott“ rufe ich bei Tag, und Du antwortest nicht; selbst nicht in der Nacht, ich finde keine Ruh'. - Ich aber, ein Wurm bin ich, und kein Mensch, der Leute Spott, vom Volk verachtet.
So beschreibt der Beter seine Not. Und wendet sich – ja, wohin? Wendet sich doch wieder an Gott, von dem er sich doch verlassen fühlt.Er fleht:
Herr, nie bleibe fern von mir, denn nahe ist die Bedrängnis und kein Helfer da.
Der so betet, leiht sich die Worte der Glaubensväter und -mütter. Auch sie haben sich verlassen gefühlt. Und haben sich am Ende doch vom Herrn im Himmel gehört und geleitet gesehen.
Denn Er hat nicht verachtet, nicht verschmäht das Elend der Armen, nicht verborgen vor ihm Sein Antlitz, hat vernommen den Aufschrei des Bedrängten.
Paulus sagt: „Wir wissen, wir haben einen Bau, von Gott erbaut“. Aber wir könnten davon überhaupt nichts wissen, wenn es uns der Himmel nicht mitgeteilt hätte. Wenn uns der Himmel sich nicht selbst mitgeteilt hätte. Unser irdisches Haus ist vergänglich. Am Ende müssen wir loslassen. Zuletzt stehen wir nackt da. Ohne unseren irdischen Leib, ohne unser ganzes selbst gebautes Leben. Aber mit Sehnsucht nach dem himmlischen Ort, wo Leib und Seele wieder ganz werden. Die Bruchstücke unseres Daseins zusammengefügt. Im Frieden mit den Nachbarinnen, mit den Verletzungen und Wunden unseres Lebens, mit uns selbst. So wird es sein, sagt Paulus, der jüdische Gelehrte. So wird es sein, hat schon der Prophet Jesaja (65) angekündigt. Ein neuer Himmel und eine neue Erde und Gott spürbar unter den Menschen:
Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören.
Für Christen ist Jesus der Botschafter vom Himmel. Und die Botschaft. Gottes Wort wurde Fleisch, so beginnt das Johannesevangelium, und wohnte – wörtlich: „und zeltete unter uns“ (Joh 1,14). Jesus hat sich ganz und gar auf die Gebrechlichkeit und Vergänglichkeit des Lebens eingelassen. Mit Lieben und Feiern. Mit Freundschaft und Verrat. Am Ende erweist sich sein eigener Leib als Wanderzelt. Wie unser Leib und Leben, eine Hütte auf Zeit. Aber das ist gar nicht das Ende. Das letzte Ende, auf das wir warten, das Ende, das uns der HERR durch die Propheten zugedacht hat in Seinen göttlichen Gedanken, dieses Ende ist das Gegenteil von Zerstörung und Krieg. Gott hat „Gedanken des Friedens“ für uns „und nicht des Leidens“ (Jeremia 29,11). Als Christen glauben wir: Gott ist in Jesus den Weg der Liebe und des Leidens ganz zu Ende gegangen. An Jesus können wir sehen, wie Gott den Aufschrei des Bedrängten hört. Wie Er das Elend des Verachteten ansieht. Wie Er am Ende Seine Kinder in ein neues Leben ruft und Leib und Seele wieder zusammensetzt. Nochmal Psalm 22:
Den HERRN sollen preisen, die Ihn suchen. Aufleben soll euer Herz für immer!
Verhalten klingt der Jubel. Im Hals steckenbleiben mag er dem, der alles verloren hat. Und doch haben die Alten gesungen und den Herrn gelobt. Nach allem, was war. Ich möchte mit einstimmen in das Lob. Und wenn es verklungen ist, habe ich Sehnsucht nach mehr. „Wir sind aber zuversichtlich“, sagt Paulus, „und haben viel mehr Lust, den Leib zu verlassen und daheim zu sein bei dem Herrn.“ Wer schon einmal schwer krank gewesen ist, weiß, wieviel Mühe einem der Körper machen, wie fremd er einem werden, was für ein windiges Zelt er sein kann. Ich hänge an meinem irdischen Leben und bete um Gesundheit. Und gerade deswegen tröstet mich, was Paulus sagt. Am Ende, wenn ich nicht mehr weiterkann, hat Gott ein festes Haus für mich. Am Ende werden mein Leib und meine Seele mit seinem Licht überkleidet und ganz und heil gemacht.
„Solange wir in dieser irdischen Hütte sind“, meint Paulus, „seufzen wir und sind beschwert.“ Dann wäre das Leben hier für uns Christinnen nicht das eigentliche? Dann wären wir Traumtänzer, die mehr im Jenseits leben als auf unserer Erde? Genau das meint Paulus nicht. Gerade weil wir auf den Jüngsten Tag hoffen, hoffen wir auch auf den morgigen Tag hier. Denn wir erwarten auf jeden Fall weitere Anzeichen von Gottes Gegenwart in dieser Welt. Egal, was der Tag bringt: Wir können anderen zum Zeichen von Gottes Gegenwart werden. Weil Gott ein Licht in unsere Herzen gegeben hat. Ein „Unterpfand“ der himmlischen Heimat, Seinen Heiligen Geist.
Zu Träumerinnen und Phantasten werden wir also nicht. Im Gegenteil: Je entschlossener wir auf die neue Welt warten, desto fester stehen wir mit beiden Beinen hier im Leben. Mit unserem irdischen Leib und Leben sollen wir gut umgehen. Aber wir müssen uns nicht übermäßig sorgen. Vor dem Leiden anderer Menschen brauchen wir uns nicht zu verschließen. Nüchtern und praktisch können wir da helfen, wo es uns möglich ist. Für Gerechtigkeit eintreten und Not lindern. „Ob wir zu Hause sind oder in der Fremde“, erinnert uns Paulus, „für uns ist es Ehrensache, Gott zu gefallen.“ Wir dürfen Gottes Licht Raum geben in uns und in der Welt und können furchtlos und fröhlich in den Tag gehen. Amen.