zu Lukas 10,30-37 Und als er ihn sah, jammerte es ihn; und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn. Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir's bezahlen, wenn ich wiederkomme.
In der Göttinger Innenstadt gibt es vor einem Bekleidungsgeschäft ein Plätzchen, wo jeden Tag immer derselbe Mann auf einer Decke sitzt. Ich habe schon oft ein Geldstück
in der Jackentasche bereit und ein Lächeln auf dem Gesicht, wenn ich auf ihn zugehe. Im Winter war es schon auch mal ein Heißgetränk oder eine Packung Mund-Nasen-Schutz. So kann ich sein. An meinen guten Tagen. Ich kann aber auch ganz anders sein. Denn an den meisten Tagen bin ich in Eile. Dann hole ich kein Geldstück heraus, dann gibt es gerade mal ein verschämtes Lächeln. Dabei kommt es mir auf die 50 Cent oder so ja gar nicht an. Aber die Zeit! Es ist doch so viel zu tun!
An der Universität Princeton wurde 1970 von zwei Psychologen ein Experiment dazu durchgeführt. Das Ergebnis lautet im Kern: Wer Zeitnot hat, hilft eher selten. Das hat bei mir einen wunden Punkt getroffen. Freiwilliges Soziales Jahr im Altenheim? Ja, spannend, aber ich möchte lieber jetzt zügig das Studium durchziehen. Geflüchteten Menschen beim Deutsch-Lernen helfen? Oh, wichtige Sache, aber ich muss da noch eine Seminararbeit fertig schreiben. Das könnte ich noch weiterführen, ich habe schon oft Ausreden gefunden. Dabei helfe ich ja prinzipiell gerne. Ich weiß nicht, wie Ihre Erfahrungen sind, aber vielleicht geht es dem einen oder der anderen ähnlich. Wir könnten uns jetzt darauf einigen, dass das alles schon so okay ist. Wir sind ja alle irgendwie nur Menschen. Das wäre jetzt der einfache Weg für alle die, die sich ertappt fühlen. Aber das macht unsere Geschichte vom barmherzigen Samariter nicht mit.
Da liegt ein Mensch verwundet und hilflos auf dem Boden. Alle gehen vorbei. In Eile. Sie bleiben nicht mal kurz stehen. Keine Zeit. Und dann kommt der Samariter. Er nimmt sich die Zeit. Und zwar nicht nur ein bisschen Zeit zwischen Tür und Angel. Sondern richtig viel Zeit. Er versorgt den Verwundeten. Er bringt ihn in Sicherheit. Er verspricht wiederzukommen. Und die Geschichte hat einen Kniff: Dem Samariter geht es nämlich ähnlich wie uns. Auch er hat nicht unbegrenzt viel Zeit. Auch er hat ein Reiseziel, einen Termin, was auch immer. Deswegen vertraut er den Verwundeten dem Wirt an. Er gibt ihn in gute Hände, er weiß ihn versorgt.
Und das ist doch irgendwie eine tolle Anleitung: Nimm dir die Zeit, anderen zu helfen. Aber es ist gut, wenn wir es als eine gemeinsame Aufgabe verstehen. Jeder trägt dann nach seinem Talent etwas bei. Wir brauchen Menschen, die das Leid des Anderen wahrnehmen. Wir brauchen Menschen, die in der Hoffnungslosigkeit den Anderen trösten. Wir brauchen Menschen, die eine Hand reichen, damit der Andere wieder aufstehen kann. Dann ist Zeit nicht Geld, dann ist Zeit Begegnung.
Übrigens: Das eben genannte Experiment hatte eine Besonderheit. Diejenigen Versuchsteilnehmer, die zu Beginn des Experimentes die Geschichte vom barmherzigen Samariter gelesen haben, waren am Ende hilfsbereiter. Das ist doch ein schöner Grund, um diese Geschichte in der kommenden Zeit weiter im Herzen zu bewegen.
Gebet
Herr, mach mich
zu einem Werkzeug deines Friedens,
dass ich Liebe übe, wo man hasst; dass ich verzeihe, wo man beleidigt;
dass ich verbinde, wo Streit ist;
dass ich die Wahrheit sage,
wo der Irrtum herrscht;
dass ich den Glauben bringe,
wo der Zweifel drückt;
dass ich die Hoffnung wecke,
wo Verzweiflung quält;
dass ich Licht entzünde,
wo die Finsternis regiert;
dass ich Freude bringe,
wo der Kummer wohnt.
Herr, lass mich trachten:
nicht, dass ich getröstet werde,
sondern dass ich tröste;
nicht, dass ich verstanden werde,
sondern dass ich verstehe;
nicht, dass ich geliebt werde,
sondern dass ich liebe.
Denn wer da hingibt, der empfängt; wer sich selbst vergisst, der findet; wer verzeiht, dem wird verziehen und wer stirbt, der erwacht
„Möchtest du das Öl auf der Hand spüren oder auf der Stirn?“ fragt die Mitarbeiterin. Der Bewohner sieht sie nicht an. Antwortet nicht. Ich fühle mich kurz unbehaglich. Niemand muss das, sage ich verlegen, aber sie bleibt stehen mit dem Olivenöl an ihrer Zeigefingerspitze und schaut ihn ruhig an. „Oben“, kommt es schließlich von ihm, leise und deutlich, und sie streicht ihm das Öl auf die Stirn. „Gott will, dass es dir gutgeht“, sagt sie dazu.
Ein Augenblick des Miteinanders in der Diakonie. Teilhabe nennen die Fachleute das. Die Menschen, die hier wohnen, haben das Recht, maximal selbst über ihr Leben zu bestimmen. Diejenigen, die hier arbeiten, haben die Pflicht, ihnen das, soweit es geht, zu ermöglichen. Auch in unserem Kindergarten wird Teilhabe gelernt. Zum Beispiel indem der Vierjährige ermutigt wird, aus dem Fenster zu schauen und dann selbst zu entscheiden, was er anzieht, wenn er zum Spielen rausgeht in den Regen. Vorausgesetzt, er hat Wechselklamotten im Schrank.
Die Teilhabe ist zutiefst im jüdischen Glauben verankert. Zum Kern des jüdischen Lebens gehört Zedaka. Das bedeutet Wohltätigkeit. Ursprünglich heißt Zedaka aber „Gerechtigkeit“. Mit dieser Grundeinstellung ist mehr gemeint als Almosengeben oder Wohltätigsein. Vielleicht sogar Anderes. „Wohltätigkeit“ sagt etwas über den Gebenden aus. Er ist ein großzügiger Mensch. Er kann es sich leisten. Aber „Gerechtigkeit“ sagt etwas über den Empfangenden. Ihm geschieht, was Gott für ihn will. Sie bekommt, was ihr nach Gottes Willen zusteht. Teilhabe. Maximal selbstbestimmtes Leben. Das dem Menschen neben dir zu ermöglichen, ist nicht Zeichen eines edlen Charakters. Es ist auch nichts Freiwilliges. Es ist die Pflicht jedes Glaubenden.
In der Heiligen Schrift, im fünften Buch Mose, wird das so begründet: »Wenn unter dir ein Bedürftiger sein wird, irgendeiner deiner Brüder, in einem deiner Tore, in deinem Land, das Er, dein G’tt, dir gibt, verfestige nicht dein Herz. Verschließe nicht deine Hand vor deinem bedürftigen Bruder. Nein, öffnen sollst du – öffne du ihm deine Hand! Leihen sollst du – leihe du ihm genug, woran es ihm mangelt« (5. Mose 15,7–8).
Das passt zum Evangelium des vergangenen Sonntags. Der Jude Jesus sagt, wo es für seine Leute langgeht: „Wenn dich jemand eine Meile nötigt, so geh mit ihm zwei. Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will“ (Mt5,41f). Eine Meile oder zwei. Von der Christophoruskirche bis nach St. Petri, das wäre eine Meile, oder noch weiter bis zum Luisenhof, das wären zwei. Wenn ich mitgehe mit einem anderen Menschen, gehen wir nebeneinander. Haben denselben Weg, dasselbe Ziel. Kann ich ihn nach Hause begleiten, ihm etwas abnehmen von dem Gepäck, das ihm auf der Schulter liegt oder auf der Seele? Kann ich ihr etwas borgen von dem Geld in meinem Portemonnaie, von meiner Zeit, oder ihr meine Stimme und meine Zuversicht ausleihen?
Wenn das so ist, geschieht das nicht aus Großzügigkeit meinerseits. Sondern weil Gott es so will. Weil der Schöpfer des Himmels und der Erde für jedes seiner Menschenkinder ein erfülltes Leben für richtig hält. „Wenn immer wir Wohltaten erweisen“, schreibt der jüdische Gelehrte Dr. William Stern über die Zedaka,„dann gehört das Geld, das wir geben, eigentlich gar nicht uns. Zwar könnte man wohl argumentieren, wir hätten es selbst verdient. Dennoch sollen wir uns nicht einbilden, dass es (...) „meine Kraft und die Stärke meiner Hand“ war, „die mir dieses Vermögen eingebracht hat“. Wenn der Herr uns mit Wohlstand segnet, meint Stern, sollen wir zu seinen „Agenten“ werden und mithelfen, den Plan des Schöpfers zu verwirklichen und den Menschen und der Welt ringsum Nutzen zu bringen. Das geschieht nicht freiwillig, ist keine persönliche Entscheidung, auch keine aus Nächstenliebe, es ist Gottes Gebot.
In der ARD lief am Montag die Reportage „Schalom und Hallo“. Jüdisches Leben in Deutschland. Der Film lässt uns in ein Altenheim schauen. Die pflegebedürftigen Bewohner/innen haben nach dem zweiten Weltkrieg die jüdische Gemeinde mit aufgebaut. Nun ist es Aufgabe der Pflegekräfte, ihnen zu ermöglichen, am Alltag teilzuhaben. Dazu gehört, dass sie das Gemeindeleben ins Haus holen. Gottesdienste. Lesungen. Musik. Das ist Zedaka. Gerechtigkeit bedeutet, dass die Beziehungen stimmen. Zwischen Mensch und Mensch und zwischen Mensch und Gott. Wenn wir mit dem Herrn im Himmel leben, stehen wir ihm zur Verfügung. Mit seiner Hilfe, als seine geliebten Kinder tun wir, was wir können, um bedürftigen Mitmenschen zu ihrem Recht zu verhelfen. Sei es, dass wir ruhig warten, bis wir herausgefunden haben, was der Andere jetzt möchte. Öl auf die Stirn, ein Segenswort oder seine Ruhe. Sei es, dass wir eine unübersichtlich lange Strecke mitgehen.
Gott will, dass allen Menschen geholfen wird. Er wird vollenden, was wir beginnen. Halten wir also Ausschau nach dem Mitmenschen, der uns heute braucht, um selbstbestimmt und im Frieden zu leben. Oder nach der Nachbarin, der wir Gelegenheit geben können, ihre Pflicht zu tun. Damit es gerecht zugeht in Gottes Welt.
zu dem Lied California Dreamin' und Jesaja 65,17-25 Lied und Predigt als Audio unter diesem Beitrag
All the leaves are brown and the sky is gray I've been for a walk on a winter's day I'd be safe and warm if I was in L.A. California dreamin' on such a winter's day
Stopped in to a church
I passed along the way Well I got down on my knees
and I pretend to pray You know the preacher liked the cold He knows I'm gonna stay California dreamin' on such a winter's day
All the leaves are brown and the sky is gray I've been for a walk on a winter's day If I didn't tell her I could leave today California dreamin' on such a winter's day California dreamin' on such a winter's day California dreamin' on such a winter's day
Songwriter: Michelle Gilliam / John Phillips
Liebe Gemeinde, nicht gerade einladend für einen Spaziergang, was der Autor des Lieds „California Dreamin“ beschreibt: Alle Blätter sind braun, der Himmel grau, den dazu passenden nasskalten Wind ergänzen unsere eigenen Gefühle automatisch dazu. Und folgerichtig träumt er von Wärme und Sonnenschein, von Kalifornien.
Aber ehrlich, das Wetter ist doch meist unser kleinstes Problem. Die Einschränkungen durch Corona, die latente Angst, sich doch noch anzustecken,
die deutlich wachsende Aggressivität, die einem jungen Mann auf seinem Tankstellenjob das Leben kostete, ganz abgesehen von meinen persönlichen Sorgen, kann ich das einfach wegträumen, unterlegt mit einer schönen Melodie?
Ganz ehrlich: Leider nein.
Auch zur Zeit des Propheten Jesaja war die Situation des Volkes Israel keineswegs gut.
Zurückgekehrt nach langem Exil in ihre zerstörte Heimat, ihr Heiligtum in Trümmern.
Mir gehen bei diesen Worten die Menschen im Ahrtal durch den Kopf und die neulich
veröffentlichten Zahlen über Kinderarmut in Deutschland (ein Fünftel unserer Kinder
lebt in Armut) und die Einwohner der Insel La Palma, wo der Vulkan keine Ruhe gibt.
Und in so einer (dieser) Lage darf Jesaja als Prophet dem Volk von einer traumhaften, ja paradiesischen Zukunft zeugen:
Denn Gott lässt ihnen sagen:
Die Kinder sollen leben.
Die Menschen nicht zu früh sterben.
Die Menschen sollen ihr Auskommen haben, ihre Häuser bewohnen, von den Früchten ihrer Felder und Weinberge leben und nicht für andere arbeiten.
Es soll kein Weinen und Klagen, kein Leid mehr geben.
Es soll Frieden herrschen überall.
Ich, Gott selbst will für euch sorgen.
Das ist das Versprechen, die Verheißung, die Gott seinem Volk erfüllen wird.
2500 Jahre sind seitdem vergangen und wir, die Menschheit (Gottes Schöpfung,
mal zwischendurch angemerkt) haben uns ja?! doch?! weiterentwickelt?!
Wir können elektromobil-umweltschonend mit 200 Stundenkilometern über die Autobahn „frasen“, sorry, ich konnte mich nicht zwischen fahren und rasen entscheiden.
Wir können als Tourist in den Weltraum reisen, weltweit über Internet kommunizieren und damit international grenzenlos Freundschaften pflegen.
Und doch: Im Angesicht unserer heutigen globalisierten Welt mit all ihren Problemen finde ich diese Verheißungen, also Zusagen, Versprechen Gottes ziemlich modern, eigentlich sogar brandaktuell. Krieg und Zerstörung, Hunger und Armut, soziale Ungerechtigkeit und Ausbeutung
sind für mich sogar präsenter als je zuvor.
Können wir als Christinnen und Christen diese Zusagen des allmächtigen, liebenden Gottes, des Vaters und Schöpfers nun für uns heute in Anspruch nehmen?
Nein, es sind Verheißungen für Gottes Volk, Israel. Jesus, unser Herr, aber lässt uns wissen: Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen, er hat unsere Schuld getilgt und will durch seinen Heiligen Geist Gottes Reich hier auf der Erde sichtbar werden lassen.
Nun mag mancher oder manche im Stillen sagen: Schön, Thomas, aber bis es dazu kommt, dass das Reich Gottes hier auf der Erde ansatzweise Wirklichkeit wird, bin ich doch schon lange nicht mehr hier auf dieser Welt. Ich lebe jetzt und hier und finde wenig Trost an dieser „Zukunftsmusik“.
Ein weit verbreiteter Satz (oder Sinnspruch) sagt: „Träume nicht Dein Leben, sondern
lebe Deinen Traum“. Und so träume ich, wünsche ich mir ein kleines Stück Gottes Reich, ein Stück strahlend blauen Himmel im Sonnenschein hier auf der Erde in meinem Leben. Denn jetzt erschließt sich Dir und mir als Christ und Christin so manche Möglichkeit: Gott unser Vater gibt auch uns noch heute diese Verheißungen (Versprechen) wie zu Zeiten Jesajas dem Volk Israel und er wird sie erfüllen, denn er ist liebevoll, gnädig und allmächtig.
Und weiter: Du und ich sind nicht allein, die Christinnen und Christen überall auf der Welt wünschen, beten und streben ebenfalls danach. Wenn ich nur hinsehe, finde ich auch überall ermutigende Beispiele: All die Menschen, die nach der Flutkatastrophe im Ahrtal mit Spenden und persönliche Einsatz
geholfen haben und helfen; alle sogenannten „Systemrelevanten“, die uns bis hierher durch die Pandemie gebracht haben. Das macht mir, und hoffentlich auch Dir, Mut in diesen turbulenten Zeiten.
Und es bringt mich dazu, mich in diesen Zeiten nicht zurückzuziehen, sondern
mitzumachen, hier auf der Erde schon Reich Gottes zu bauen, seine Zusagen wahr
werden zu lassen, weil er mir die Kraft und Möglichkeiten dazu schenkt. Das beginnt schon mit einfachen „Kleinigkeiten“:
Ein Lächeln ist wie ein Sonnenstrahl, es gibt Wärme und Licht an Dein Gegenüber:
California dreamin’ on such a winters day.
Quelle: Dieter Schütz/pixelio.de (1); Hasan Anac/pixelio.de (2); Charlotte Scheller (3)