I. Fischen, Fischer, Menschenfischer (Thomas Plate)
Ist das nicht ein schönes Bild: Sanfte Dünung des Meeres, darin ein kleiner Fischkutter mit weißem Rumpf und rot-blauen Aufbauten, dahinter eine untergehende Sonne. Ist das nicht romantisch? Und würde man den Fischer fragen, ob er sich vorstellen könnte, woanders zu leben: „Nein, ich kann nicht ohne das Meer, ohne diese Freiheit und Weite, ohne das Fischen, an Land würde ich eingehen, sterben wie der Fisch ohne Wasser“.
Werfe ich einen Blick hinter dieses romantische Bild, dann sieht es anders aus: Nachts wird gefischt, das Wetter ist oft richtig schlecht, Schietwedder, wie der Norddeutsche sagt. Die Arbeit ist körperlich herausfordernd und gefährlich, schnell verliert man beim Einholen des Netzes einen Finger oder gleich den ganzen Arm und es gibt keine Garantie, dass das Netz auch voll ist oder wenigstens so viel gefangen, dass es zum Leben reicht. Am Morgen im Hafen aber warten schon die Leute auf den gefangenen Fisch; so frisch bekommt man ihn nirgendwo, das wissen sie zu schätzen. Und die Familie: Gott sei Dank, du bist heil zurück.
Passt dieses Bild zu uns als Christinnen und Christen in dieser Zeit? Zumal als Landratten oder Trockenschwimmer, die Ansage von Jesus an Petrus: „Von nun an sollst Du Menschen fischen“? Ich finde schon. Gerade jetzt in Zeiten der Pandemie mit einer drohenden vierten Welle und der Unsicherheit, wie wirksam die Impfungen wirklich sind, fühle ich mich wie nachts auf dem Meer. Alles schwankt und wirklich sehen und sich orientieren ist schwierig. Und die Nacht scheint sich auch über uns und unseren Mitmenschen auszubreiten, mangelnde soziale Kontakte, Einschränkun-gen in fast allen Lebensbereichen fördern Depressionen und Wut gleichermaßen.
Die Herausforderung und Anstrengung, in diesen Zeiten Christsein zu leben, ist uns wohl allen bewusst. Ich sollte dem Verzweifelten, Vereinsamten eigentlich die Hand zum Segen auf die Schulter legen, ihm die Hand reichen, ihn umarmen, ihm mit mehr als meinen Worten sagen: Ich bin mit Dir, du bist mir und Gott wertvoll, aber genau das darf ich jetzt gerade nicht.
Oft werden wir selbst in unserem Christsein verletzt: Was glaubst du denn, das sind doch alles nur Hirngespinste. Warum soll ich einer solchen erstarrten Institution anhängen und sie finanzieren, wenn ich für mich persönlich nichts daraus ziehen kann. Und ebenso herausfordernd ist es, der Meinung entgegen zu treten, in der Coronakrise habe sich die Kirche „weggeduckt“. Es ist herausfordernd, gerade jetzt einem anderen zu helfen, da zu sein in seiner Not, die schenkende Liebe Christi zu zeigen in einer Welt, wo es heißt: Jedem das Seine, mir das meiste!
Aber der Morgen im Hafen baut mich auf, in der Gemeinde finde ich Leute, die mich um meinetwillen schätzen, mich aufbauen und unterstützen, mir Mut machen, auch für meine Ausbildung zum Lektor hier in Christophorus. Hier finde ich etwas wirklich Gutes, Außergewöhnliches in Gottesdienst und anderen Aktivitäten. Die Gemeinde ist meine zweite Familie, da die eigene weit verstreut und jetzt nicht leicht erreichbar ist. Hier, gewisserweise im Hafen, höre und fühle ich: „Schön, dass Du da bist!“ Das möchte ich in Jesu Namen weitergeben und andere spüren lassen. Schön, dass ihr da seid!
II. Fangen, nicht fischen (Charlotte Scheller)
Sie sind schon ausgestiegen, Simon und die anderen. Jetzt ist Aufräumen angesagt. Die Boote am Liegeplatz festmachen. Die Netze sauber machen und zum Trocknen aufhängen. Die leeren Körbe verstauen. Heute haben sie nichts, was sie zum Markt tragen können. Nichts, was sie zum Essen beisteuern können. Und dann kommt dieser Typ. Er steigt einfach bei Simon ins Boot. He, will der sagen, Feierabend, wir sind kein Fährbetrieb. Aber etwas hält ihn zurück, macht, dass Simon tut, was er sagt. Er rudert ihn raus aufs Wasser. Der Mann steht im schwankenden Boot und redet. Simon dreht sich um, der Strand ist voller Leute. Das Gedränge ist dichter als auf dem Markt, irgendwas gibt es hier, das sie haben wollen, für das sie früh aufgestanden sind und jetzt hier Schlange stehen. Fisch ist es nicht.
Aber es geht gar nicht um die Leute am Ufer. Es geht um die im Boot. Simon und seine Leute. Sie tun, was Jesus ihnen sagt. Auch wenn es ihnen schwerfällt nach der langen Nacht. Werft die Netze nochmal aus, hier, wo es tief ist. Dann läuft alles aus dem Ruder. Ein unglaublicher Fang, die Netze sind kurz vorm Reißen, das Boot droht zu kentern. Mit Müh und Not, mit zwei Booten, bringen sie den Fang an Land.
Jetzt geht Simon Petrus auf Abstand. Ein heiliger Schrecken hat ihn gepackt. Er geht in die Knie. Wenn Gott so etwas Großes tut, kannst du dich nur klein und fehlerhaft und fremd fühlen. Hab keine Angst, sagt Jesus. Wie der Prophet Jesaja zu seinem gebeutelten Volk. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Ich brauche dich. Von jetzt an wirst du Menschen fangen.
Das ist keine Aufforderung, sondern eine Prognose. Gott hat sich genau dich ausgesucht, Simon, er wird dich einsetzen, du wirst für ihn arbeiten. Ach Herr, geh weg von mir, sagt Simon. Zuviel der Ehre, ich bin nur ein Mensch, voller Schuld. Simon bekennt keine konkrete Sünde, nicht etwas, das er heute oder früher falsch gemacht hat. Er drückt die Entfernung aus zwischen ihm und Jesus, dessen Wort so viel bewirken kann. Volle Netze, voller Erfolg, wo du selbst gar nichts zustande gebracht hast. Simon geht in die Knie. Aber er sagt auch: Herr! Das heißt: Ich will dir folgen. Du wirst die Richtung vorgeben. Ich nehme die neue Aufgabe an. Menschen fangen.
Fangen, nicht fischen. Fischen bedeutet töten. Jesus aber beauftragt seine Leute, andere aufzufangen, aus der Flut herauszuziehen und zu Gott zu bringen. Jesus lässt keinen zappeln, er nimmt niemanden gefangen. Er schickt seine Menschenfischer, Andere einzuladen, Leute hereinzuholen in Gottes Erbarmen und Liebe. So rettet Jesus. Er hat anderes als Fisch, er hat Lebensmittel für die Seele. Hab keine Angst. Du wirst Menschen fangen, sagt Jesus zu Simon Petrus, obwohl er weiß, der wird Angst kriegen immer wieder, er wird Jesus sogar verraten vor seinem Tod. Jesus wird ihm das vergeben. Er wird ihn ein zweites Mal berufen und dann wird Simon treu sein. Und wenn es ihm nur gelingt, einen einzigen Menschen aus der Menge am Ufer herauszufischen, hat Simon seine Aufgabe voll und ganz erfüllt.
Hier, nimm, sagt die Enkelin und hält dem Großvater das kleine Bündel hin. Dein Urenkelkind. – Nein, sagt er. Ich kann ihn nicht halten. Er ist so zart, ich habe Angst, ihn zu zerbrechen. Aber sie reicht ihm den Säugling. Und er breitet die Arme aus und nimmt den Kleinen. Er wiegt ihn, schaukelt ihn mit seinem ganzen Körper und schließt ihn ein in die Liebe, die ihn auch umfängt. Er singt leise: Müde bin ich, geh zur Ruh, / schließe meine Augen zu. / Vater, lass die Augen dein / über meinem Bette sein.
So will ich auch meine Arme und mein Herz öffnen, wenn Gott mich ruft. Ich will den, der mich braucht, auffangen und halten, wie Gott mich hält in jedem Moment. Amen.
Gebet
Gott,
Vater Jesu Christi,
du rufst mich,
willst mich dabei haben,
hast einen Plan mit mir.
Zeig mir,
wo ich ankommen kann,
einen Hafen finden,
mich willkommen fühlen,
zu Hause sein.
Zeig mir,
wo du mich brauchst,
um jemanden wahrzunehmen,
aufzufangen,
herauszufischen aus der Menge
und einzuladen,
einfach da zu sein
und den Weg zu gehen
mit dir, großer Gott.
Charlotte Scheller
Quelle: Gordon Gross/pixelio.de (1); Charlotte Scheller (2,3); twinlili/pixelio.de (4)
Am Freitag, den 9. Juli 2021 um 17.00 Uhr feiern wir "Kirche für Knripse" unser Gottesdienst für die Allerkleinsten. Kinder ab 0 Jahren und, Eltern sind dazu herzlich eingeladen. Wir bitten um Anmeldung bei: Sylke.schander@evlka.de
von Charlotte Scheller. Audio unter diesem Beitrag
Abschied nehmen von Vater oder Mutter ist schwer. Ein Teil des eigenen Lebens ist mit dem der Eltern verbunden. Sie waren es, die wir zum ersten Mal angelächelt haben. Die uns an der Hand nahmen, als wir laufen lernten. Auf den Armen trugen. In den Schlaf sangen. Sich um uns sorgten und für uns sorgten, so gut sie konnten. Von ihnen haben wir den Winkel des Nasenbeins geerbt, die Farbe der Augen, die Stimme und die Art, wie wir gehen. Manches davon war in den Genen. Anderes haben sie uns vorgelebt und wir haben es übernommen. Oder uns bewusst entschieden, ganz anders zu sein. Eine Reihe von Jahren haben wir mit ihnen zusammengelebt. Danach sind wir uns nahe geblieben oder haben einander auf Abstand gehalten. Haben uns gern an die Kindheit erinnert oder mit Schrecken, haben versucht zu vergessen, was uns enttäuscht und verletzt hat, oder uns ausgesprochen. Abschied zu nehmen von einem Elternteil heißt auch, den Geschwistern wieder zu begegnen oder den Verwandten. Einen gemeinsamen Weg zu finden, wie verfahren werden soll mit dem, was die Eltern hinterlassen haben. Sind wir dankbar, wenn der Vater alles geregelt hat, wenn die Mutter genau notiert hat, wie das Erbe zu verteilen ist, wie der Abschied gestaltet werden soll? Das kommt darauf an.
Schon in alter Zeit kam es darauf an. Unser Predigttext führt uns zu den Söhnen des Patriarchen Jakob. Sie haben ihren Vater begraben, nach einem langen Leben. In Ägypten ist er gestorben. Dahin ist er vor Jahren seinem Sohn Josef gefolgt, weil es dort Brot gab, in der Heimat herrschte Hungersnot. Auf Jakobs letzten Wunsch hin haben sie seinen Leichnam aus Ägypten nach Hause zurückgebracht und in Hebron begraben, bei seinen Vorfahren Abraham und Sara, Isaak und Rebekka.
Und nun werden die Karten neu gemischt. Das Geschwistergefüge verschiebt sich, Vater Jakob fehlt. Er war der Mittelpunkt der Familie, um seinetwillen war Frieden. Die Geschwister sind auf Josef angewiesen, er hat einen einflussreichen Posten beim Pharao, dem Herrscher des Landes. Wird Josef ihnen heimzahlen, was sie ihm in der Kindheit angetan haben, jetzt, wo der Vater nicht mehr über sie wacht? Das wäre verständlich. Die Brüder haben ihm übel mitgespielt, haben ihn gehänselt und gequält. Josef war auch nicht ohne. Papas Liebling, Sohn seiner geliebten Frau Rahel, die früh gestorben ist. Josef durfte kaum von Vaters Seite weichen, war von der Feldarbeit ausgenommen, ging in Seidengewändern, hatte ein Selbstbewusstsein, das bis an den Himmel reichte. Seltsame Träume hatte das Bürschchen. In Josefs Träumen hatten sich seine Brüder vor ihm verneigt, genau wie Sonne und Mond. Daraufhin haben die Brüder ihn verkauft, heimlich, als Sklaven. Dem Vater haben sie erzählt, ein wildes Tier habe ihn zerrissen. Der Vater war untröstlich. Die Brüder waren erst ganz zufrieden. Josef war weg. Unwahrscheinlich, dass das verzärtelte Bürschchen den Karawanentrip durch die Wüste überlebt haben könnte. Aber der Vater war nicht mehr derselbe. Seine älteren Söhne konnten sich abmühen wie sie wollten, alles richtig machen, ihm jeden Wunsch von den Augen ablesen. Der Vater sah nur den Sohn, der nicht da war. Von dem er und alle nichts anderes denken konnten als dass er tot sein musste. Jetzt klammerte er sich an Rahels Zweiten, seinen jüngsten Sohn Benjamin. Sohn meiner rechten Hand bedeutet sein Name.
Und dann das Wiedersehen in Ägypten. Meine Lieblingsgeschichte in der Kinderbibel. Wie Josef seinen silbernen Becher in das Gepäck des Jüngsten geschmuggelt hatte. Wie die Brüder nicht wussten, dass der Bevollmächtigte des Pharao, der ihnen die Getreidesäcke gefüllt hatte aus den Kornspeichern Ägyptens, Josef war. Ihr Bruder. Sie dachten, er ist tot. Nun schickte er ihnen die Soldaten Pharaos hinterher. Halt! Stehenbleiben! Gepäckdurchsuchung. Bei den Sachen des Jüngsten wird der Becher gefunden. Benjamin stand als Dieb da, er wurde festgenommen. Die Brüder zerrissen ihre Kleider, wie der Vater sein Kleid zerreißen würde, wenn sie ihm seinen Kleinen nicht wiederbrächten, den verbliebenen Sohn seiner Liebsten. Sie gingen mit ihm zurück in den Palast. Und Josef ließ sie spüren, wie es war, ausgeliefert zu sein, verraten und verkauft. So wie sie es mit ihm gemacht hatten viele Jahre zuvor. Die Brüder erkannten ihn immer noch nicht. Einer von ihnen, Juda, wollte sich statt Benjamin in Josefs Hände geben. Um dem Vater den neuen Kummer zu ersparen. Da konnte Josef nicht länger an sich halten. Er schickte alle Zuhörer aus dem Saal. Jetzt war er allein mit seinen Brüdern. Er weinte. Laut. Ich bin es, Josef, euer Bruder. Lebt mein Vater noch? Die Brüder waren sprachlos vor Schreck. Dass Josef noch lebt, dass sie nicht seinen Tod verschuldet haben, dass sie jetzt in seiner Hand sind. Bekümmert euch nicht, hat Josef damals gesagt. Um eures Lebens willen hat Gott mich vor euch her gesandt. Holt meinen Vater her. Ich will ihn und euch versorgen.
So kam es, dass sie ausgewandert sind nach Ägypten. Nun ist der Vater tot. Die letzten Dinge werden besprochen, sein letzter Wille muss umgesetzt werden. Es geht ums Erbe, aber nicht bloß um die Schafherden, nicht bloß um Grund und Boden und Vermögen. Jakob hat ihnen noch etwas Größeres hinterlassen: Frieden. Ob sie das Erbe annehmen und gut verwalten?
Am Grab des Vaters sehen die Geschwister: Was wir bis jetzt haben, ist Waffenstillstand, kein echter Friede. In unseren Herzen sind die alten Geschichten lebendig. Was uns verwehrt wurde, Anerkennung, Aufmerksamkeit, Zärtlichkeit. Was wir einander angetan haben. Hochmut. Verrat. Auslieferung. Der Vater hat Frieden befohlen zwischen seinen Kindern. Sie müssen aufeinander zugehen. Der Ball liegt im Feld von Josefs Brüdern. Sie sollen laut Jakobs letztem Willen Josef um Vergebung bitten. Aber sie trauen sich nicht, selbst zu ihm hinzugehen, sie lassen ihm sagen. Im letzten Kapitel der Vätergeschichte lesen wir:
Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben. Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als man ihm solches sagte.
Und seine Brüder gingen selbst hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.
Josef tickt anders. Wo hat er sein Selbstbewusstsein her, das abgrundtiefe Vertrauen, dass Gott es gut machen wird, seine Freiheit? Vielleicht aus der Kindheit. Aus der Erfahrung der unendlichen Liebe seines Vaters. Josef, die rechte Hand des mächtigen Pharao, ist Kind geblieben im Herzen. Er weint, lässt die Tränen fließen. Er zeigt sich verletzlich und macht sich angreifbar. Weint er aus Kummer über das Erlittene oder aus Freude über die Versöhnung, die anhält über den Tod des Vaters hinaus? Ganz sicher sehnen sich auch die Brüder nach Frieden. Und Josef, der eben noch geweint hat, tröstet sie.
Josef ist das Vorbild in dieser Erzählung, diesem Roman der alttestamentlichen Weisheit. Die Geschichte ist gesammelte Erfahrung. Alltagsmenschen, die es irgendwie versuchen mit der lieben Verwandtschaft, mit Eltern und Geschwistern, mit sich selbst und mit Gott. Ein Mann, der weint. Der sein Leben in Gottes Hände legt. Der in seinen Träumen Bilder sieht, einen bunten Teppich von Möglichkeiten, die Gott eröffnet. Gott lässt ihn Wege sehen, die herausführen aus der Not. Josef bleibt Lieblingskind. Das Besondere an ihm ist seine Haltung: Der Vater wird es in Ordnung bringen. Nicht ihr. Nicht ich. Stehe ich denn an Gottes Statt? Ihr gedachtet es böse zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen. Damit das Leben weitergehen kann. Unser Leben als Familie und das Leben unseres Volkes. Josef will es nicht allein machen. Sein Handeln speist sich aus der Güte, die Gott ihn hat erfahren lassen. Als er verraten war und verkauft, verdient oder zu Unrecht. Josef richtet nicht über seine Brüder, die Vergeltung überlässt er dem Vater im Himmel. Und Gott vergilt mit Liebe. Fürchtet euch nicht, sagt Josef zu seinen Brüdern. Ich will euch und eure Kinder versorgen. Er redet freundlich mit ihnen und tröstet sie.
Wunderbar, wie Josef das hinkriegt. Mir würde es schwerfallen nach alldem, was passiert ist. Mir fällt es oft schwer, obwohl ich Christin bin, über meinen Schatten zu springen und gut sein zu lassen, was schlecht für mich war. Was mich verletzt hat. Wie ist es denn, wenn ich nicht Papas Liebling war, wenn ich nicht dieses unglaubliche Selbstbewusstsein habe, das es Josef erlaubte, so gütig zu sein? Jesus hat seinen Freunden gesagt, sie sollen werden wie Kinder im Glauben. Das gilt auch uns. Wie Kinder dürfen wir alles vom himmlischen Vater erwarten. Wir sind seine Lieblingskinder, jeder und jede einzelne von uns.
Jesus wurde verraten und verkauft. Unverdient. Und hat doch Frieden hinterlassen nach seinem Tod. Auferweckt zum Leben in Gottes Reich, sendet er seine Leute. Er sendet auch uns, damit wir dem Leben dienen. Wo Not ist, wo Hunger herrscht, wo es fehlt an Nahrung für Leib und Seele, wo Versöhnung notwendig ist. Der Herr gedenkt es gut zu machen. Gott hat Gedanken des Friedens auch für mich. Ich darf groß träumen. Ich darf mich verletzlich zeigen. Und das Richten und Vergelten dem Vater im Himmel überlassen. So kann ich den schwierigen Begegnungen ins Auge sehen. Das Gespräch suchen mit dem Nächsten. Und das Erbe annehmen. Den Frieden, den Gott schon gegeben hat. Amen.
Quelle: Chris/pixelio.de (1); Angelika Wolter/pixelio.de (2); Charlotte Scheller
Ich erinnere mich an das Quietschen der Kreide auf der Tafel im Klassenraum. Vor der ersten Stunde schrieb der Mitschüler, der Tafeldienst hatte, das Datum in die rechte obere Ecke. Der Tag konnte kommen. Der Satz des Pythagoras. Unregelmäßige Verben und unflätige Kritzeleien.
Ich erinnere mich an ein Restchen Kreide zwischen Daumen und Zeigefinger. Ich schreibe das Wort „Himmel“ in das oberste Feld des Hüpfkästchens. Die Kreide ist zerrieben vom Asphalt der Straße. Die Fingernägel sind rissig und schwarz.
Auch Martin Luther soll manchmal ein Stück Kreide in die Hand genommen haben. Auf den Tisch vor sich schrieb er, in Latein: „Ich bin getauft“. Ich stelle mir vor, er tat das am Morgen. Wenn sich die Aufgaben des Tages wie Berge vor ihm türmten. Wenn er mit den Anfeindungen seiner Gegner kämpfte. Oder mit Selbstzweifeln und Ängsten. Gegen das Rissige, Dunkle um ihn und in seinem Innern erinnerte sich Luther, Kreide auf Holz: Ich stehe in der Macht des Himmels. Ich stelle mir vor, wie sich im Laufe des Tages Bücher und Papiere über die Kreideschrift schieben. Wie Luther die Ellbogen auf den Tisch stützt und den Kopf in den Händen vergräbt. Wie er abends unter Zetteln und Krümeln die verwischten Buchstaben wieder freilegt: „Ich bin getauft“.
Ich erinnere mich nicht an meine Taufe. Aber an die Taufe des kleinen Emmet am frühen Ostermorgen in unserer Kirche. Sein Taufspruch: „Alles, was Gott uns gibt, ist gut und vollkommen. Er, der Vater des Lichts, ändert sich nicht; niemals wechseln bei ihm Licht und Finsternis.“ Jakobus 1. Die Großeltern konnten nicht dabei sein. Sie wurden per Video Zeugen der Taufe. Ich erinnere mich an die Taufe von Anabel Wolter am vergangenen Samstag. Zeiten des Lesens sind vorausgegangen und eine Reihe Gespräche. Am Taufbecken, im Saal, auf dem Kirchplatz. „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg“, ihr Taufspruch aus Psalm 119. Gottes unbedingtes Ja-Wort zu seinen Kindern ist mein Wegweiser. Es ermutigt mich, auch Ja zu sagen zu mir, zu meinen Mitmenschen, zum Leben. „Ich bin getauft“, hat Anabel Wolter fröhlich auf die Altarstufe geschrieben, das können ruhig alle wissen.
Jede Taufe ein Fest! Es erinnert mich: Auch ich stehe in der Macht des Himmels. Gott gibt mir Gutes. Der Tag kann kommen. Der Satz des Pythagoras. Die Aufgaben, Anfeindungen, Ängste und Glücksmomente. Ich bin getauft. Eingeschrieben, unauslöschlich, in das Buch des Lebens.
Quelle: Charlotte Scheller
Hinkelkästchen; Taufunterricht; Inschrift auf der Altarstufe
Dr. Frank Uhlhorn kandidiert für das Amt des Superintendenten im Kirchenkreis Göttingen.
Mit einer Aufstellungspredigt im Rahmen eines Gottesdienstes am 20. Juni um 18 Uhr stellt sich Pastor Uhlhorn zunächst der Öffentlichkeit vor. Gottesdienst und Predigt sind noch auf dem YouTube-Kanal des Kirchenkreises Göttingen zu sehen.
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zu Lukas 15,1-10 von Charlotte Scheller Audio unter diesem Beitrag
Ausgerückt. Die Schule endlich fertig, nie wird er ihre heiligen Hallen wieder betreten mit dem in den Steinfußboden eingelegten Spruch „Non scholae sed vitae“. Nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen wir, aber für ihn war es tote Zeit jahrelang und jetzt fängt es an, das Leben. Im Baumarkt räumt er das Lager auf, kommt müde und verschwitzt nach Hause. Mit dem selbst verdienten Geld ans andere Ende der Welt, Travel and Work. Er arbeitet auf Baustellen, wohnt in einem Zelt und nutzt jede freie Minute zum Klettern. Du brauchst alles am Felsen, Hände und Füße und Verstand. Du bist voll konzentriert und ganz bei dir, zu Hause in Leib und Seele. Komm nach Hause, schreiben die Eltern nach einem Jahr. Er scrollt sich durch die Internetseiten der Universitäten. Bewirbt sich, kriegt Absagen und eine Zusage. Schreibt sich ein, Gott sei Dank, sagen die Eltern, jetzt macht er seinen Weg. Er tritt den Studienplatz nicht an. Er muss klettern, der Job ist Nebensache, an der Wand spürt er sich, im Kampf mit der Schwerkraft, im vollen Einsatz von Körper und Geist, zwischen Himmel und Erde unterwegs, dankbar für jeden Tag, an dem er eins sein kann mit sich, mit der Welt. Gefunden, sagen die Eltern. Er sorgt für sich, er vertraut sich selbst und dem Leben, er ist glücklich, er lässt von sich hören. Wir lieben ihn!
Angeknüpft. Ausgetreten ist sie nie aus der Kirche, obwohl sie schon lange nichts mehr hat anfangen können mit Gott. Mit der Oma ist sie manchmal noch da gewesen, die Gesänge und Gebete sind ihr vertraut, aber wenn überhaupt, sagt ihr der Raum etwas. Die Mauern, deren Steine so viel gesehen haben, Freude und Verzweiflung, Leere und Sehnsucht und Erfüllung. Das Halbdunkel und die bunten Schatten der Fenster, jedesmal andersfarbig. Die Stille, vielleicht am ehesten die Stille. Den Alltag unterbrechen, sie steht ihre Frau im Beruf, muss sich täglich beweisen in einer Männerwelt, für Glaube-Hoffnung-Liebe bleibt wenig Raum. Wann hat sie aufgehört zu beten? Es muss während der Krankheit ihres Patenkinds gewesen sein, über anderthalb Jahre hat die Nichte sich gequält mit Chemotherapien, ein Teenager ohne Haare, Augenbrauen und Wimpern. Sie hat ihr zur Seite gestanden, anfangs hat sie gebetet wie alle in der Familie, dann nicht mehr, aber gemeinsam haben sie das geschafft. Die Krankheit ist besiegt. Die Schatten unter den Augen sind der Nichte geblieben. Ein Ernst und eine Tiefe, die nicht recht passen wollen zu einer Achtzehnjährigen. Ihr ist sie nahe geblieben, der vertrauteste Mensch. An Gott hat sie sich nie wieder gewendet, sie verlässt sich lieber auf sich selbst. Sieh mich an, sagt sie einer jüngeren Freundin, ich bin mitten im Leben. Ich leite eine Firma mit vielen Mitarbeitern. Mir geht es gut, schwört sie, auch wenn sie weiß: Es kann vorbei sein, von einem Tag auf den andern. Guck mal, sagt sie und kramt in ihrer Tasche, das hab ich mir aufgehoben. Ein Zettel aus der Kirche, ein Psalm. „Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar“. Ich wollte ja nichts mehr wissen von diesem Herrn, ich konnte ihn nicht verstehen bei allem, was er meiner Nichte zugemutet hat. Aber da in der Kirche, als wir den Psalm gebetet haben, war ich zu Hause. Ich dachte auf einmal: Gott hat mir so viel Gutes gegeben. Ich habe schon ewig nicht mehr gebetet, aber der Psalm bedeutet mir viel. Verstehst du? - Die Jüngere denkt oft an diesen Moment. Sie haben sich nicht wiedergesehen. Die Freundin, ein paar Jahre älter, ist gestorben. Plötzlich. Mitten im Leben.
Aufgespürt. Alle Zolleinnehmer und andere Leute, die als Sünder galten, kamen zu Jesus, um ihm zuzuhören. Die Pharisäer und Schriftgelehrten ärgerten sich darüber. Sie sagten: »Mit solchen Menschen gibt er sich ab und isst sogar mit ihnen!« Da erzählte ihnen Jesus dieses Gleichnis: »Was meint ihr: Einer von euch hat hundert Schafe und verliert eines davon. Wird er dann nicht die neunundneunzig Schafe in der Wüste zurücklassen? Wird er nicht das verlorene Schaf suchen, bis er es findet? Wenn er es gefunden hat, freut er sich sehr. Er nimmt es auf seine Schultern und trägt es nach Hause. Dann ruft er seine Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: ›Freut euch mit mir! Ich habe das Schaf wiedergefunden, das ich verloren hatte.‹ Das sage ich euch: Genauso freut sich Gott im Himmel über einen Sünder, der sein Leben ändert. Er freut sich mehr als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben, ihr Leben zu ändern.«
Ausgeflippt. Gottes unglaubliche Freude, die offenen Arme, er streut es breit, lässt es in die Welt hinausposaunen: Bei mir ist Vergebung, bei mir kannst du sein wie du bist, unverstellt, unfertig, unmöglich, dir selbst im Weg. Ich liebe dich mit alldem! Gott lässt sich total ausnutzen in seiner Güte, er legt es darauf an ausgenutzt zu werden, er gibt sein Leben für unseres, er verzeiht alles, vergilt nicht nach unsrer Schuld, sucht uns überall, wenn wir ihn verloren haben, wenn wir uns verloren haben, schickt uns ein Lied, einen Psalm, einen Menschen. Schickt uns seinen Sohn, der unerhörterweise mit den Halsabschneidern zusammensitzt und den Sünderinnen. Er geht denen hinterher, die alle Regeln von Anstand, Treu und Glauben gebrochen haben, die von Gott nichts mehr wissen wollen. Er freut sich über jede, die zu ihm zurückkommt, über jeden, der es wagt, weiter zu klettern mit seiner Kraft im Rücken und weiter zu gehen mit seinem Wort. Er freut sich über mich, wenn ich ihm meine Zweifel, meine Schuld, mein Nichtverstehen vor die Füße werfe. Mich umschaue und das Gute sehe, das Gott mich bei allem Schweren hat sehen lassen. Es ist Freude im Himmel über jeden Mann, jede Frau, die sich zu ihrem Zuhause bekennt bei ihm für diesen einen Tag und immer. Amen.