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Als Jesus das gesagt hatte, wurde er erregt im Geist und bezeugte und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten. Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete. Es war aber einer unter seinen Jüngern, der zu Tische lag an der Brust Jesu, den hatte Jesus lieb. Dem winkte Simon Petrus, dass er fragen sollte, wer es wäre, von dem er redete. Da lehnte der sich an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist’s? Jesus antwortete: Der ist’s, dem ich den Bissen eintauche und gebe. Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein und gab ihn Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn. Da sprach Jesus zu ihm: Was du tust, das tue bald! Niemand am Tisch aber wusste, wozu er ihm das sagte. Denn einige meinten, weil Judas den Beutel hatte, spräche Jesus zu ihm: Kaufe, was wir zum Fest nötig haben!, oder dass er den Armen etwas geben sollte. Als er nun den Bissen genommen hatte, ging er alsbald hinaus. Und es war Nacht.
Ein Ausschnitt, ein einzelnes Bild. Der Rest eines schlimmen Traums, nicht zu greifen, aber auch nicht abzuschütteln. Wie ein Alptraum wirkt die Geschichte von Judas. Ein Hochverrat an der Liebe. Eine schlimme Sache, die man sich lieber nicht ins Gedächtnis rufen, über die man möglichst nicht predigen will. Wenigstens nicht zu Beginn der Passionszeit.
Aber sie gehört zur Geschichte Jesu, zur Passion, zu unserer Rettung. Sie ist ganz und gar keine Nebensache. Alle Evangelisten erzählen sie, Markus, Matthäus, Lukas und Johannes, und jeder gibt sein Quäntchen Schärfe dazu. Der Ausschnitt, den wir eben gelesen haben, stammt von Johannes. Wer in seinem Gedächtnis kramt, mag die anderen Puzzleteile wiederfinden, als Blitzlichter in die Geschichte Jesu eingesprengt, fast versteckt unter den anderen Bildern. Judas Iskariot geht zu den Hohepriestern und bietet an, ihnen gegen Geld den Aufenthaltsort Jesu zu verraten. Sie bieten ihm dreißig Silberlinge. Später die Szene mit dem Kuss, im Garten Getsemane. Tausend Maler haben diesen Moment festgehalten, in dem alles, was ein Kuss bedeutet, Liebe, Vertrautheit, Zärtlichkeit, ins Gegenteil verkehrt wird. Jesus wird festgenommen und abgeführt. Und Judas nimmt ein bitteres Ende. Er sieht, dass Jesus zum Tode verurteilt ist. Er bereut, was er getan hat, und erhängt sich. Am liebsten möchten wir das nicht sehen. Vielleicht geht es auch Johannes so. Er zeigt das meiste davon nicht. Was hat er mit Judas im Sinn?
Judas ist zum Inbegriff des Verräters geworden. Er lässt den Freund im Stich, als der ihn am meisten braucht. Das schmerzt. Noch schmerzhafter ist das Motiv. Judas hat den Geldbeutel bei sich. Aus Geldgier verrät er Jesus. Manche Ausleger sehen ein anderes Motiv. Judas sei gar kein Verräter, lese ich bei dem Göttinger Theologen Lüdemann. Judas Iskariot. Der Beiname kann Mann aus dem Dorf Kariot heißen. Er könnte aber auch von „Sikariot“ kommen, das hieße dann „Dolchträger“. Möglich, dass Judas ein Dolchträger gewesen ist, Zelot, Guerilla-Kämpfer gegen die römischen Besatzer. Er hat erwartet, dass Jesus mit politischer Macht für die Befreiung seines Volkes kämpft. Im Griechischen steht „ausgeliefert“, nicht „verraten“. Aus Enttäuschung liefert er Jesus aus. Vielleicht will er Jesus provozieren, damit er endlich aus sich herausgeht. Und mit seiner gottgegebenen Macht dem Unrecht, das das Volk leidet, ein Ende setzt. Es wäre nicht das erste und nicht das letzte Mal, dass eine Freundschaft verraten wird für eine brennende Überzeugung.
Geldgier oder Überzeugung – es ist ein teuflischer Verrat. Der Teufel hat es ihm ins Herz gegeben, meint der Evangelist Johannes zu Beginn des Kapitels. Und jetzt nochmal: Als er den Bissen nahm, den Jesus ihm reichte, fuhr der Satan in ihn. Das macht ihn mir fremd. In Judas kann ich mich nicht wiederfinden, anders als in anderen Jüngern mit ihren Fehlern. Auch Petrus verrät Jesus. Aus Angst um sich selbst. Das kenne ich. Wer hat nicht schon mal beide Augen zugedrückt und gegen die christliche Überzeugung gehandelt. Den einen oder anderen feigen oder bösen Gedanken gehegt. Aber Judas mit seinem tödlichen Verrat bleibt mir fremd. Aus eigener Schuld tritt er aus dem Kreis heraus und wird von der Liste der Jünger gestrichen. Eine tragische Figur, mit der wir persönlich nichts zu tun haben wollen. Ich geh ihm gewöhnlich aus dem Weg.
Anders Dietrich Bonhoeffer. Er saß im Gefängnis, weil er sich verantwortlich fühlte und in der Pflicht, etwas gegen Hitler und sein Regime zu tun. Als Christ, als Lehrer, als durch seine Herkunft und Ausbildung Privilegierter. Bonhoeffer hat Judas ganz nah an sich herangelassen. Im Frühjahr 1944 liest er in seiner Gefängniszelle die Leidensgeschichte Jesu. Bei Matthäus. Er stolpert über ein paar Worte gleich zu Beginn: Da ging Judas, einer von den Zwölfen, hin (Mt 26,14). Bonhoeffer schreibt: „Ob wir etwas spüren von dem Grauen, mit dem der Evangelist dieses kleine Satzteilchen geschrieben hat? Judas, einer von den Zwölfen. Was war hier mehr zu sagen? Das heißt doch, es war unmöglich, dass dies geschah, es war ganz unmöglich und es geschah doch. Nein, hier ist nichts mehr zu erklären und verstehen.“ Mit Bonhoeffer begreife ich: Judas, der Verräter, ist keiner von den Anderen. Er kommt aus dem engsten Freundeskreis. Er hat mit Jesus gelebt, er hat neben ihm geschlafen und seinen Worten gelauscht, hat ihm Fragen gestellt, ihn mit Kindern lachen sehen und mit ihm hundertmal das Brot gebrochen. Judas war ganz nah dran am Sohn Gottes. Er kannte seine Botschaft auswendig. Der Verrat kommt nicht von außen, sondern von innen. Der Schrecken, der Bonhoeffer so mitnimmt, ist auch für mich verstörend. Und doch beginnt die Passion mit eben diesem Verrat. Ein Schritt auf dem Weg Jesu, der unsere Rettung ist. Ohne den Verrat des Judas keine Kreuzigung. Ohne den Kreuzestod Jesu keine Auferweckung. Jesus reicht Judas den Bissen, der ihn als Verräter entlarvt. Als ob er selbst den ersten Schritt tut ins Dunkel hinein. Als ob er selbst Satan ermächtigt, sein tödliches Werk zu tun. Dann wäre Judas ein Werkzeug Gottes. Um seinen Plan zu verwirklichen, um uns vom ewigen Tod zu erlösen.
Dann wäre Judas selbst ein Opfer. Dann bräuchte er kein Gewissen zu haben, sondern sich nur auf Gottes Plan zu berufen. Aber Gott will uns als freie Menschen, mit eigenem Urteilsvermögen. Wir sind keine Marionetten des Schöpfers, keine Ausführenden eines bereits zu Ende geschriebenen Stückes. Bonhoeffer graut es eben nicht davor, dass Judas zum Opfer von Gottes Kalkül geworden wäre. Ihm graut es, weil wir als Menschen nicht davor gefeit sind, uns so zu entscheiden, wie Judas es getan hat. Auch Jesus ist die Erschütterung anzumerken, obwohl er doch den Plan kennt. Jesus wurde betrübt in seinem Geist. Einer unter euch wird mich verraten. Einer, der hier mit mir am Tisch sitzt. Ich ahne, was Bonhoeffer meint. In mir selbst ist der Abgrund. In mir selbst entdecke ich die Möglichkeit, Judas ähnlich zu sein, und das macht, dass es mir graut. Wie soll mich diese Geschichte stärken? Sie ist schwere Kost, eigentlich ganz unverdaulich.
Als er nun den Bissen genommen hatte, ging er alsbald hinaus. Und es war Nacht. Judas hat sein Heil verwirkt. Er hat sich gegen Jesus entschieden. Er tritt aus dem Licht hinaus und in die Finsternis. Begibt sich selbst außerhalb der Reichweite von Jesus, des Lichts der Welt. Hat sich entlarvt. Entborgen. Ohne Christus steht er absolut nackt da.
Ist er mir wirklich so fremd? Manchmal, in schwarzen Augenblicken, blitzt auch in mir ein Zweifel auf, eine Hoffnungslosigkeit, die dem Verrat nicht unähnlich ist. Die anderen Jünger sind sich auch nicht so sicher. Einer unter euch, hat Jesus beim Abendessen gesagt. Und Petrus fragt den Jünger, den Jesus liebhat, der an seiner Brust liegt beim Festmahl. Das ist nicht ein Liebling, dem Jesus den Vorzug geben würde. Es ist einer, der schon weiß, wie es kommen wird. Einer, der von Ostern her auf das alles schaut. Wer ist es, fragt Petrus ihn, von dem Jesus so redet? Die Unsicherheit ist greifbar: Jeder von uns könnte es sein. Johann Sebastian Bach erzählt das mit seiner Musik. In der Johannes-Passion heißt es: Wer hat dich so geschlagen, mein Heil? Und die Antwort: Ich, ich und meine Sünden, / die sich wie Körnlein finden / des Sandes an dem Meer, / die haben dir erreget / das Elend, das dich schläget, / und das betrübte Marterheer.
Kein Solo, der ganze Chor singt. Wir alle, wir sind’s. Wir haben Jesus Kummer gemacht. Die Worte sind aufrührend. Judas sitzt plötzlich neben mir in der Bank. Ich treffe ihn bei der Vorstandssitzung. Und ich seh ihn im Spiegel, wenn ich mich anziehe für den Gottesdienst.
Bei Bach sind die bestürzenden Worte von der Musik gehalten. Ihr Dichter Paul Gerhardt hat sie wunderbar auf die Melodie eines anderen Liedes gelegt: O Welt, ich muss dich lassen. Am Ende vertraue ich mich dir an, Gott, in Jesus Christus. Am Ende darf ich auch der sein, der an seiner Brust liegt. Denn ich kann jeden Fehler, selbst den tödlichsten, zu ihm bringen und an sein Kreuz legen. Der Theologe Helmut Thielicke hat es so gesagt: „Das Neue Testament ist (…) gute Botschaft für Judas. Jesus ist am Kreuz nicht wegen Judas gestorben, er ist für Judas gestorben. Er ist für die abgründigste Tat des Menschen gestorben, für den schlimmsten Verrat, die gemeinste Geste, die größte Gier. Er ist für uns gestorben. So endet die Geschichte des Judas nicht mit seinem Tod. Sie endet mit Jesu Worten am Kreuz: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“
Lieblingsbibeltext Markus 11, erzählt und kommentiert von Sylke Schander Audio direkt unter diesem Beitrag
Jesus kommt in die Stadt. Sara und Ben wollen ihn auch sehen! Mit ihrer Mutter und ihrem Vater machen sie sich auf den Weg durch die Gassen von Jerusalem. Sie wollen sehen, wie Jesus in Jerusalem einzieht.
Sara ist müde, sie mag nicht mehr laufen, die Füße tun ihr weh. Doch wenn sie Jesus sehen wollen, müssen sie sich beeilen. Der Vater nimmt sie auf die Schulter – sonst kommen wir zu spät.
Ben hat klare Erwartungen an den, der da kommt. Der Rabbi hat gesagt: „Gott schickt uns ganz bald seinen Gesalbten.“ Jesus ist dieser König, er ist groß und stark, er wird das Volk von den blöden Römern erlösen! Er wird gegen den Pilatus kämpfen und ihn besiegen.
So kommen sie an die Straße, durch die Jesus nach Jerusalem kommt. Viele Leute sind schon da. Da geht eine Unruhe durch die Menge: „Da kommt er!“ murmeln sie. „Ich kann ihn sehen“, ruft Sara von ihrem Ausguck auf der Schulter des Vaters. „Jesus sitzt auf einem Esel!“ ruft sie. „Und da sind Männer und Frauen, die laufen neben dem Esel her. „Das werden seine Freunde und Schüler sein, die Jünger und Jüngerinnen“, sagt die Mutter. „Aber warum reitet er denn auf einem Esel?“, fragt Ben. „Mir wäre ein Pferd lieber gewesen. Pilatus, der römische Statthalter, hat auch ein Pferd. Und ein Schwert! Wie will Jesus gegen Pilatus kämpfen, ohne Pferd und ohne Schwert?“ - „Was rufen da die Leute?“ fragt Sara. „Sie rufen Hosianna – hilf uns“, erklärt die Mutter. „Schaut mal“, sagt da Sara, „die Leute legen ihre Kleider vor Jesus auf den Boden und reißen Blätter von den Palmbäumen ab. Sie machen einen Teppich mit den Blättern vor Jesus. Papa, lass mich runter, ich will auch Zweige abreißen und vor dem Esel hinwerfen“. - „Ich komm mit“, ruft Ben. Und schon verschwinden die Geschwister im Getümmel der Leute.
„Aber warum reitet er denn auf einem Esel?“, fragt die Mutter den Vater. „Hat nicht der Prophet Sacharja vor langer Zeit angekündigt: ,Freut euch, ihr Leute von Jerusalem! Euer König kommt zu euch. Sanftmütig ist er, und reitet auf einem Esel‘. Vielleicht reitet Jesus deshalb auf einem Esel“, sagt der Vater. „Und ein Esel kann viele Lasten tragen“, fällt der Mutter ein, „alles, was uns das Leben schwer macht“.
Da kommen Sara und Ben gelaufen. „Mama, Mama, Jesus hat mir zugewunken“, ruft Sara. Noch immer tanzen und singen die beiden: „Hosianna, gelobt sei, der da kommt“.
Ich mag diesen Text, da ist ein buntes Volksfest und die Leute warten auf den, der da kommt, den Retter! Und dann kommt da kein starker Superheld, … Jesus ist so ganz anders als die Erwartungen. Das Volk hat einen mächtigen, starken Mann erwartet, der sie von den Römern befreit. Und dann zieht Jesus auf einem Esel ein! Geht es uns nicht auch immer mal wieder so, dass wir auf einen starken Mann oder eine starke Frau hoffen, die das Ruder für uns in die Hand nehmen und die Dinge richten? Aber so ist Jesus nicht. Er trägt unsere Lasten, er stützt uns, damit wir unseren Weg selbst gehen können.
zu Matthäus 6,16-21 Der Friede Gottes, die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.
Liebe Gemeinde,
am nächsten Mittwoch beginnt die Passionszeit, die Fastenzeit: von Aschermittwoch bis Ostersamstag.
Die Fastenzeit berührt und bewegt viele Menschen - und auch mich. Da wir kurz vor dieser besonderen Zeit stehen, habe ich das Fasten als Thema für die heutige Predigt ausgewählt.
Nun könnten Sie bei sich denken: „Worauf soll ich denn noch verzichten? Fasten wir nicht schon genug in dieser Zeit von „Corona“, wo wir auf vieles verzichten müssen?“
Ja, zwangsläufig haben wir die letzten 12 Monate auf viel verzichten müssen …
Beim Fasten allerdings geht es zuallererst nicht um Zwang und auch nicht immer um Verzicht.
Fasten ist keine Diät. Fasten ist vielmehr eine Übung in Konzentration. Also ein „Sich-Ausrichten“ hin auf eine bestimmte Sache.
Im religiösen Sinne bedeutet Fasten das „Sich-Ausrichten auf Gottes Wort“. So berichtet es uns die Bibel in vielen Beispielen: Mose, Elia und Jesus fasteten – meist ganze 40 Tage lang – um sich auf die Begegnung mit Gottes Wort vorzubereiten. Meist fand diese Fastenzeit in der Wüste statt.
Wenn wir an Wüste denken, denken wir an Trockenheit ohne Leben spendendes Wasser, an Kargheit.
Wüste steht aber auch dafür, dass jegliche Alltagsumstände ausgeblendet sind. In der Wüste ist der Suchende allein, frei von allem, was ihn ablenken könnte. Auf sich gerichtet kann der Suchende den Blick schärfen und neu ausrichten.
In diesem Sinne ist die Fastenzeit eine „Wüstenzeit“, eine Zeit, sich von unnötigem Ballast zu befreien und seinen Blick auf das Wesentliche zu richten.
Es handelt sich weniger um das Einhalten religiöser Vorgaben, als vielmehr um ein „Sich-neu-Ausrichten“.
Beim Fasten kann Platz für Neues in den Blick kommen und oft auch Platz für Gottes Wort.
Eine gute Gelegenheit, sieben Wochen als Chance zu erfahren, das eigene Leben zu überdenken und sich auf das Wesentliche zu besinnen, auf das, was mich wirklich trägt. Und vielleicht aufzudecken, was mich immer wieder davon abhält, dieses Wesentliche auch langfristig im Blick zu behalten.
Bei unseren katholischen Schwestern und Brüdern ist das Fasten schon immer Brauch gewesen. In der evangelischen Kirche wurde es 1983 wieder entdeckt oder wieder belebt.
Der Pastor und Journalist C.G. Westphal erzählt von dieser Wiedergeburt des Fastenbrauches in der evangelischen Kirche Folgendes: „1983 saßen wir bei unserem Hamburger Journalistenstammtisch beieinander und ordneten die Welt. Als die Flaschen leer und die Aschenbecher voll waren, sagte ich: >Ab Aschermittwoch trinke ich keinen Alkohol mehr<. Meine Mitteilung stieß auf großes Erstaunen. >Du bist doch nicht katholisch?<, entfuhr es einem, aber ich schüttelte lächelnd den Kopf: >Auch einem Evangelischen kann es nicht schaden, die Passionszeit etwas bewusster zu erleben. Und meiner Leber täte es auch ganz gut.<“
Eine Diskussion entbrannte unter den Journalisten und schloss mit einer Abmachung: Mehrere Journalisten wollten versuchen sieben Wochen auf Alkohol zu verzichten. Einer wollte bis Ostern nicht rauchen, ein Anderer Chips und Cola meiden, ein Weiterer das Fernsehen deutlich reduzieren. So suchte sich jeder seine eigenen schädlichen Gewohnheiten oder gar Abhängigkeiten aus, um sieben Wochen von ihnen zu lassen.
Als dann eine Kirchenzeitung von dieser Fasteninitiative berichtete, schlossen sich 300 Teilnehmende spontan an. Das war der legendäre Start der Fastenaktion „7 Wochen ohne“.
Heute nehmen mehr als zwei Millionen Teilnehmer an der Aktion teil. Das muss man sich mal vorstellen!
„Klar sehn. Frei sein. Leben finden.“ So lautete einer der frühen Fastenslogans.
Fasten bedeutet für viele Menschen und auch für mich eine faszinierende Möglichkeit, mit klarem Kopf Neues zu wagen. Da gibt es nur ein Problem: Veränderungen machen uns manchmal Angst. Darum halten sich manche lieber an alten Ufern fest, bleiben kleben an dem, was sie gewohnt sind.
Wer aber frei schwimmen will im Fluss des Lebens, wer die Fesseln von allerlei Gewohnheiten und Abhängigkeiten lösen möchte, für den ist Aschermittwoch eine echte Chance auf Veränderung.
Und Veränderung bedeutet nicht immer, etwas wegzulassen.
Sich auf Unbekanntes einzulassen, kann auch bedeuten, eine neue Gewohnheit zu erlernen.
Der ökumenische Verein „AndereZeiten e.V.“, dessen Begründer der evangelische Pastor C.G. Westphal ist, von dem ich Ihnen eben erzählte, ruft jedes Jahr zur Fastenaktion auf, die da heißt: „7 Wochen anders leben“.
Was in den Anfängen nur der Verzicht auf bestimmte Genußmittel war, hat sich im Laufe der Jahre zu einem bunten Strauß von Fastenvorhaben entwickelt.
Besonders das Hinzulernen von guten Gewohnheiten finde ich höchst interessant. Da nimmt sich die Eine vor, jeden Tag einen Psalm zu lesen. Ein Anderer versucht, täglich Sport zu treiben, und ein Dritter möchte lernen, offen auf andere Menschen zuzugehen.
Von einem Fastenvorhaben, das mich tief berührt hat, möchte ich Ihnen noch erzählen:
Thomas hat sich im letzten Jahr vorgenommen, jeden Tag ein Herz zu verschenken. Er hatte das Jahr über viele kleine Herzen in einem Karton gesammelt. Die Aktion stellte sich für ihn als schwerer heraus, als zuvor gedacht. Schon am ersten Fastentag schlich er die ganze Zeit herum und wagte es nicht, auf jemanden zuzugehen. Schließlich faßte sich Thomas am Abend des ersten Tages im wahrsten Sinne des Wortes ein Herz und sprach eine Frau an einer Tankstelle an und schenkte ihr das erste Herz. Die Frau war perplex. Später traf er die Frau an der Kasse wieder und da hat sie sich ganz doll bedankt.
Jeden Tag traute sich Thomas etwas mehr.
Dann hat ihm Corona einen Strich durch die Rechnung gemacht. Er konnte die Menschen nicht mehr einfach ansprechen. Also stellte er jeden Tag einen goldenen Teller vor seine Haustüre und legte ein Herz darauf. „Am nächsten Morgen waren die Herzen immer weg.“
Über seine Fastenerfahrung sagt Thomas: „Es hat mir die Augen geöffnet für meine eigene Scham, aber auch für die von anderen Menschen.“ Einfach auf Menschen zuzugehen und ihnen etwas zu schenken, das erscheint in unserer Gesellschaft als fremd.
Auch für mich ist die Fastenzeit in jedem Jahr eine neue Entdeckungsreise.
Vielleicht möchten auch Sie sich auf diese Entdeckungsreise begeben. Über die Fastenaktionen unserer Kirche oder die vom ökumenischen Verein „AndereZeiten“ können Sie sich im Internet informieren.
Die entsprechenden Links dafür sind auf dem Liedblatt abgedruckt.
Jesus spricht:
„Wenn ihr fastet, sollt ihr nicht sauer dreinsehen wie die Heuchler; denn sie verstellen ihr Gesicht, um sich vor den Leuten zu zeigen mit ihrem Fasten.“ (MT 6,16)
Ich denke nicht, dass Jesus uns mit diesen Worten davon abhalten möchte, anderen von unserem Fastenvorhaben zu erzählen. Aber wir sollten uns damit nicht wie mit bunten Federn schmücken oder es als Lorbeer aushängen.
Jedes individuelle Fastenvorhaben bleibt eine ganz persönliche Angelegenheit, die in erster Linie dazu dient, frei zu werden von dem, was uns das Leben schwer macht und uns den Weg zu Gott und zu unserem Nächsten versperrt.
Liebe Gemeinde,
ich hoffe, es ist mir gelungen, Sie heute neugierig zu machen auf das Thema Fasten. Vielleicht entdecken Sie ja diese besondere Zeit auch für sich als Möglichkeit einer ganz neuen Freiheit.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine gesegnete Fastenzeit.
Amen
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen in Christus Jesus.
Nicole Schwedes hat diesen Text als Mitarbeiterin und im Namen der Christophorus-KiTa für uns ausgesucht.
Mein Lieblingsbibeltext steht in Rut 1, Vers 16:
Aber Ruth antwortete: Dränge mich nicht, dich auch zu verlassen. Ich will bei dir bleiben. Wohin du gehst, dorthin gehe ich auch. Wo du bleibst, da bleibe auch ich. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist der meine.
Es ist für mich eine Geschichte von zwei starken Frauen, die in tiefer Verbundenheit zusammenstehen. Von einer Frau, das ist Rut, die ein starker Fels für Naomi wird. Die sagt: ich verlasse dich nicht, ich bleibe bei dir. Von bedingungsloser Liebe, von Mut und Tapferkeit. Ja, man könnte noch so viele Worte finden, aber es ist auch eine Geschichte über Gott. Über Gottvertrauen. Auch wenn wir verzweifelt sind und den Mut verlieren, ist eine gewiss: Gott ist da. Er ist für uns ein Freund, an den wir uns anlehnen können, eine starke Schulter. Und er ist jemand, der uns nie verlässt. Er ist bei uns, er gibt uns den Mut, immer weiter zu machen. Und so eine Freundin wie Rut ist ein Zeichen dafür, was Gott alles bewirken kann, was er für uns als Geschenk darlegt: So eine Freundin zu haben, die sagt, ich bin bei dir, ich verlasse dich nicht. Und jeder wünscht sich doch so einen Menschen in seinem Leben, der bedingungslos zu einem steht. Der sagt, ich bin bei dir, ich verlasse dich nicht. Ich bin da! Und das finde ich wahnsinnig tröstlich.
Quelle: Nicole Schwedes; Alexandra Bucurescu/pixelio.de